Let′s roll!

Die Vereinigten Staaten leben von ihren Mythen und Siegen. Und aus ihren Katastrophen wächst stets das Rettende. Zu Besuch bei amerikanischen Diplomaten, Soldaten, Polizisten und Thinktankern - Transatlantische Marginalien

WAGNER. An meinem letzten Abend in Amerika höre ich Richard Wagner in der Colorado Springs Symphony: Best of Parsival, Tannhäuser und Götterdämmerung. Heroisch, schwer, deutsch. Dabei geht mir Woody Allen nicht aus dem Kopf, der in Manhattan Murder Mystery sagt: "Immer wenn ich Wagner höre, möchte ich in Polen einmarschieren."

NEUE RISIKOWELT. Aus der Sicht einer Weltmacht klingt das alles schrecklich vernünftig, was die zuständige Wissenschaftlerin vom Center for Strategic and International Studies ihrer Regierung gegen den Terrorismus zu tun empfiehlt: 1. die Terroristen aufspüren, 2. ihnen die Unterstützung bzw. den Schutz von Staaten entziehen, 3. der Dritten Welt helfen und 4. die Köpfe und Herzen der Welt gewinnen. Welche Gefahren der freien Welt heute drohen, hat das Anser Institute for Homeland Security kategorisiert: a) konventionelle Bedrohungen etwa durch Bomben und Flugzeuge, b) Cyberwar über Internet, Handy usw., c) Chemiewaffen, d) Biowaffen, e) radiologische Bedrohungen, soweit diese nicht durch Atombombenexplosionen hervorgerufen werden, also Verstrahlungen jeder Art, f) Nuklearwaffen. Am ernstesten werden gegenwärtig Bio- und Cyberbedrohungen genommen. Das gute Grundgefühl der US-Amerikaner, durch zwei Ozeane (Atlantik und Pazifik) und zwei freundliche Nachbarn (Kanada und Mexiko) sicher vor äußerer Bedrohung zu sein, ist nach zwei Jahrhunderten schlagartig dahin.

DUCK AND COVER. Das Faltblatt heißt "Citizen′s Awareness Guide to Terrorism" und wird vom Office of Emergency Management der Stadt Colorado Springs herausgegeben. Es erinnert ein bisschen an diesen amerikanischen Fünfziger- oder Sechziger-Jahre-Unterrichtsfilm über den Schutz vor Atombomben, der in den achtziger Jahren bei uns von der Friedensbewegung zur allgemeinen Belustigung durch die Programmkinos gereicht wurde. Da kroch zum Beispiel ein Ehepaar unter einen Tisch, wo doch heutzutage jedes Kind weiß, dass selbst Mauern gegen Strahlen nicht viel helfen ... Trotzdem, bei B- und C-Waffeneinsatz: "Cover your nose and mouth with a cloth." - "Don′t T-E-S-T: Taste, Eat, Smell or Touch." - "Remove your outer clothing and wash off the contamination with plenty of cold water. If available, use soap." - "Talk with your children and keep them well informed. Reassure them that things will be better in a few days ..." Die Katastophenschutzzentrale von St. Louis County ist über die Bundesgelder für die Verbesserung der "Homeland Security" nicht traurig. Ihre Hauptgefahrenanalyse: 1. Tanklasterunfälle, 2. Tornados, 3. Erdbeben. Ihre Einsatzzentrale war früher ein Atombunker; jedenfalls sitze man da erdbebensicher, sagt der Chief.

CHEYENNE MOUNTAIN. Gern wäre ich in den Berg eingefahren und hätte des Allerheiligste gesehen, die strategische Raketenzentrale, das Space Command. Und sei es nur, weil in Independence Day der Weltuntergang besiegelt zu sein scheint, als der fiese Verteidigungsminister dem sympathischen Präsidenten mitteilt: "Sir, sie haben NORAD zerstört." Jetzt ist der Cheyenne Mountain wegen des 11. September für Besucher gesperrt.

VISION. Das U.S. Joint Forces Command in Norfolk/Virginia ist eines von fünf strategischen US-Kommandos, auf die unser Globus (mit Ausnahme Kanadas, Mexikos und Russlands) aufgeteilt ist: 1. PACOM für Ostasien, Australien, Alaska, den Pazifik und den größten Teil des Indischen Ozeans, 2. CENTCOM für Zentralasien und Nordostafrika samt zugehöriger Seegebiete, 3. EUCOM für Europa, Afrika plus Türkei sowie Teile des Südatlantiks, 4. SOUTHCOM für Südamerika und angrenzende Seegebiete und 5. eben USJFCOM für Nordatlantik, Eismeer, Grönland, Island und Portugal. Im Stabsgebäude gegenüber residiert ACLANT, das NATO-Oberkommando für exakt den gleichen geographischen Raum, das heißt den Seeweg zwischen Amerika und Europa. Befehlshaber beider Kommandos ist der amerikanische Vier-Sterne-General William F. Kernan, Oberbefehlshaber der NATO in Europa sowie von EUCOM ist der amerikanische General Joseph W. Ralston. Als strategische CINCs (Commander in Chief) gebieten die US-Befehlshaber im Ernstfall über Hunderttausende von amerikanischen Soldaten: Landungstruppen, Air-Force-Geschwader, Trägergruppen. Deren Zusammenspiel - jointness - zu perfektionieren, gilt gegenwärtig als größte nationale militärorganisatorische Aufgabe. Die bündnisgemeinsame Operationsfähigkeit im Nato-Rahmen zu verbessern, tritt dagegen in den Hintergrund. "Jointness", sagt der Colonel, der uns brieft, sei General Kernans "Vision". - Wir Europäer könnten da ohnehin nicht mithalten, die technologische Lücke werde immer größer, sagen mit schaudernder Anerkennung Gesprächspartner von der Bundeswehr-Gemeinde in den USA (ein Prozent der Truppe, 3000 deutsche Soldaten sind dort zur Ausbildung, in Nato-Stäben oder als Verbindungshalter stationiert). Der US-Militärhaushalt soll im kommenden Jahr um 48 Milliarden Dollar, das Doppelte des Bundeswehrbudgets, steigen - auf 380 Milliarden Dollar. Die EU bringt es zusammen auf 140 Milliarden.

REVOLUTION. Wie heimliche Abgesandte einer Weltraumpatrouille sitzen amerikanische Fernspäher bärtig und in afghanischer Landestracht hoch zu Ross - und geben via Satellit Koordinaten für die Bombardierung der Taliban durch. Wenige Minuten später sind die Bomben, Lenkflugkörper oder Cruise Missiles, aus sicherer Entfernung gestartet, präzise im Ziel. Krieg der Zukunft? Die Zukunft hat schon begonnen. General Jim McCarthy ist einer der Ideengeber dieser "Revolution in Military Affairs", so einst der Titel seiner Pentagon-Arbeitsgruppe; heute spricht man von Transformation. Das alte Szenario des US-Militärs, two major wars gleichzeitig führen zu können, ist beiseite gelegt. Jetzt geht es um die neue Fähigkeit, überall auf der Welt zu jedem Zeitpunkt gegen jede See-, Land- oder Luftabwehr schnell und präzise ohne eigene Verluste zuschlagen zu können, Stichwort: long range precision strike. So ein Schlag kann geräuschlos - elektronisch - geführt werden, es müssen nicht immer Bomben sein, aber wenn Sprengkraft, dann sollen 10.000 Präzisionsbomben innerhalb der ersten 24 Stunden ankommen. Ein B2-Bomber wird bald 300 Lenkbomben tragen können; die Zahl der Einsätze bliebe klein, die Wirkung wäre groß. Der General fordert keine neuen Plattformen: Schiffe, Flugzeuge, Panzer. Ihm geht es um Effektivität: Abstands- und Präzisionsfähigkeit der Waffen, Kommunikation, Zusammenwirken, jointness - Stichwort: global joint response force. Die Zahl der Trägersysteme kann schrumpfen. Einst gab es 2200 B47-Bomber, später 500 B52, dann 100 B1, zuletzt gerade noch 21 B2-Stealth-Bomber.

JUST AS EVIL. Wenn 91 Prozent der Bevölkerung hinter ihrem Präsidenten stehen, bleibt der Opposition nur noch Zynismus, Satire. Einer E-Mail, die in den ersten Februartagen nach der historischen State-of-the-Union-Ansprache in liberalen Uni-Kreisen die Runde machte, entnehmen wir, dass Libyen, China und Syrien, verärgert über ihre Nichtberücksichtigung in Bushs "Achse des Bösen" (Irak, Iran, Nordkorea), eine eigene Axis-of-Just-as-Evil gegründet haben. Kuba, Sudan und Serbien wollen die Axis-of-Somewhat-Evil gründen; Bulgarien, Indonesien und Russland bilden die Axis-of-Not-so-Much-Evil-Really-Just-Generally-Disagreeable; Sierra Leone, El Salvador und Ruanda: Axis-of-Countries-That-Aren′t-the-Worst-But-Certainly-Won′t-Be-Asked-to-Host-the-Olympics; Kanada, Mexiko und Australien: Axis-of-Nations-That-Are-Actually-Quite-Nice-But-Secretly-Have-Nasty-Thoughts-About-America.

NASSAU. Das Landungsschiff "USS Nassau" hat Platz für 2000 Marines, Hubschrauber, Landungsboote, "Harrier"-Jagdbomber. Zur Zeit liegt das Spezialschiff im Hafen von Norfolk. Es ist so groß wie ein kleiner Flugzeugträger. Die US Navy hat zwölf davon.

MISSILE DEFENSE. Dass alles ineinandergreift, dass die selbst schon hochkomplexen Einzelteile gemeinsam ein perfektes Ganzes ergeben, das ist die Herausforderung der Zukunft. Zum Beispiel bei der Raketenabwehr. Hinter doppeltem Sicherheitszaun arbeiten am Fuße der Rocky Mountains 800 Soldaten und Ingenieure im Joint National Facility Integration Center auf der Schierer Air Force Base am Zusammenspiel von Radar, Feuerleitung und Abfangtechnik (wahlweise Laser oder Lenkflugkörper). Schwieriger als eine Gewehrkugel mit einer Gewehrkugel zu treffen, sei die Sache mit den Raketen eigentlich auch nicht, sagt einer der Offiziere. Oder doch: Der angreifende Gefechtskopf könnte sich teilen oder Täuschkörper ausstoßen. Ein technisches Problem, lösbar.

DAS VIERTE FLUGZEUG. Die amerikanische Nation lebt von ihren Mythen und Siegen. Aus der Katastrophe wächst stets das Rettende. Die Passagiere des vierten entführten Flugzeugs wussten durch Handyverbindungen mit ihren Familien, dass sie zu lebenden Bomben werden sollten. Ein Handy blieb an, und übertrug den Aufruf, der in Amerika inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist, als einige Passagiere ihren Mut zusammennahmen, mit den Terroristen zu kämpfen; es war das Startsignal einer einzelnen männlichen Stimme: "Let′s roll!" United Airlines Flight 93 stürzte in Somerset County, Pennsylvania, südöstlich von Pittsburgh ab und erreichte nicht das Weiße Haus.

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