Gegen den Grauschleier der Mitte



Es ist heute guter Brauch, die alte Bonner Republik schlecht zu reden. Lauscht man den Henkels, Miegels und Rogowskis, dann kann die Berliner Republik nur gedeihen, wenn sie das Erbe der Bonner Republik endgültig ausschlägt und sich gesellschaftspolitisch irgendwo zwischen London und Washington auf dem marktkalten Atlantik verortet. Nun ist unbestritten, dass Gesellschaften sich ändern und Staatswesen sich reformieren müssen, doch das ceterum censeo der Marktradikalen nervt. Konservative halten es da lieber mit Lampedusas gern zitiertem Satz, dass alles sich ändern müsse, damit alles so bleiben könne, wie es ist.


Die Berliner Republik stellt nun den Versuch dar, eben jener konservativen, bewahrenden, erhaltenden Reform ein Forum zu schaffen, zwar sozialdemokratisch im Netzwerk, aber gleich weit entfernt von marxistisch-theoretischen Höhenflügen wie von dem neoliberalen ökonomischen Weltbild, also weder Marx noch Hayek, sondern viel Tocqueville mit Brandtschem Impetus. So bildet die Berlin Republik eine Brücke zur Bonner Republik und erhöht die Akzeptanz ihrer Namenspatronin unter den einstigen Bonnern.


So viel Marktwirtschaft wie nötig, so viel Wohlfahrtsstaat wie möglich ist kein schlechtes Prinzip in einer Zeit, da viele die Wohlfahrt wie die Bewahrung, das Soziale wie das Konservative aufgegeben haben. Friedrich Sieburg hat sich einmal zu den linken Leuten von rechts bekannt und damit der Mitte ihren Grauschleier genommen. Das ist das Beste, was man auch über die Berliner Republik sagen kann. Ad multos annos.

zurück zur Ausgabe