Das Klima in der Politik

Hans von Storch und Werner Krauß warnen die Klimawissenschaft vor Determinismus und Selbst-Politisierung

Seit dem spektakulär gescheiterten Weltgipfel in Kopenhagen 2009 ist das Klimathema auf der politischen Agenda sukzessive nach unten gerückt. Doch nun steht die Klimadebatte am Beginn eines neuen Aufschwungs. Vor wenigen Wochen hat der Weltklimarat IPCC den ersten Teil seines voluminösen fünften Sachstandsberichts vorgestellt, bis Oktober 2014 werden weitere Teilberichte folgen. Im Anschluss wird sich die Aufmerksamkeit auf die UN-Klimaverhandlungen richten, die Ende 2015 in Paris mit einem umfassenden und ehrgeizigen Weltklimavertrag zum Erfolg geführt werden sollen. Die Konstellation ist also vergleichbar mit der Phase vor dem Klimagipfel in Kopenhagen. Auch hier stand die Verabschiedung eines Weltklimavertrags im Zentrum der Hoffnungen, und auch hier ging die Veröffentlichung eines IPCC-Sachstandsberichts voraus.

Eine Wissenschaft der Warner

Das Buch Die Klimafalle, eine Ko-Produktion des Naturwissenschaftlers Hans von Storch und des Kulturwissenschaftlers Werner Krauß, ist eine frühzeitige und zugleich ungewöhnliche Intervention in die anschwellende Debatte. Obgleich selbst als Autoren am fünften IPCC-Sachstandsbericht beteiligt, plädieren die beiden eindringlich dafür, dass Politik, Medien und Gesellschaft einen differenzierten und kritischen Blick auf das von der Klimawissenschaft produzierte Wissen werfen. Sie wenden sich explizit gegen die Tendenz prominenter Klimaforscher, sich in die Rolle derer zu begeben, die Politik und Gesellschaft mit autoritativem Gestus auffordern, dieses zu tun oder jenes zu unterlassen (ganz gleich, ob aus eigenem Antrieb oder gedrängt durch die mediale Nachfrage). Nach Ansicht der Autoren ist eine solche Rollenverteilung kaum dazu geeignet, klimapolitische Fortschritte zu befördern. Zudem droht sie auch die Integrität der Klimawissenschaft selbst zu beschädigen.

In einer Rückschau auf die historische Entwicklung des Forschungsgebiets rekonstruieren von Storch und Krauß zunächst den rasanten Aufstieg der Klimawissenschaften, der ohne die parallel verlaufenden Bemühungen, eine internationale Klimapolitik zu etablieren, kaum zu erklären ist. Die über viele Jahre zentrale Frage, ob und zu welchem Teil der Klimawandel durch menschliches Handeln verursacht wird, und die parallel geführte politische Diskussion um die daraus abzuleitenden Konsequenzen führten fast unweigerlich zu einer Politisierung der Forschung.

Da der Mainstream der Klimapolitik stets die Minderung der Treibhausgasemissionen in den Mittelpunkt stellte und nur zu einem geringen Teil die Anpassung an den Klimawandel, stand dabei stets auch die Zukunft der fossilen Energieversorgungsstruktur zur Debatte. Dies hatte zur Folge, dass die Unternehmen des Öl-, Kohle- und Gassektors damit begannen, in den Wissenschaftsbetrieb zu intervenieren. Jeder Wissenschaftler konnte sich leicht ausrechnen, dass seine Forschungsergebnisse klimapolitische Konsequenzen haben würden. Die Debatte polarisierte sich zusehends (am stärksten in den USA); die Mehrheit der öffentlich sichtbaren Forscher positionierte sich auf der Seite der Warner und ermahnte die Politik zu schnellem Handeln.

Und wenn es dann nicht wärmer wird?

Die öffentlichkeitswirksamen Zuspitzungen der klimawissenschaftlichen Politikberatung aber können sich negativ auf die Reputation aller in diesem Forschungsgebiet tätigen Wissenschaftler auswirken, wenn voreilig geäußerte Prognosen nicht eintreten, wie es derzeit beim Stagnieren der globalen Oberflächentemperatur beobachtet werden kann. Diese Entwicklung ist für sich genommen kein Beleg gegen die Erwärmungsthese – Klimamodelle sehen solche Phasen durchaus vor. Aber sie widerspricht ganz offenkundig dem, was von Klimawissenschaftlern seit Jahren öffentlich in verkürzter Form vertreten wird, nämlich dass es in Zukunft immer wärmer werde. Die Buchautoren empfehlen deshalb, dass die Klimaforschung wieder deutlicher kommuniziert, wie groß die Forschungslücken und Unsicherheitsbandbreiten auch heute noch sind.

Noch weitaus kritischer gehen von Storch und Krauß mit ihrer Zunft bei der Frage ins Gericht, wie die Folgen des Klimawandels zu beschreiben und interpretieren seien. Sie machen eine Grundtendenz zum naturwissenschaftlichen „Klimadeterminismus“ aus und weisen zu Recht darauf hin, dass die Auswirkungen des Klimawandels weniger vom Klima selbst abhängen, sondern vom gesellschaftlichen Umgang damit.

Zukünftige Klimawandelphänomene umstandslos in soziale und ökonomische Folgewirkungen zu übersetzen, führe tendenziell zu einer Depolitisierung der Klimaproblematik. Die von Klimawissenschaftlern vorgetragenen, in der Regel sehr umfangreichen Forderungskataloge würden von (europäischen) Klimapolitikern programmatisch zwar häufig eins zu eins übernommen, weil diese sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, die „falsche“ Richtung einzuschlagen, und weil der Verweis auf die vermeintlichen Vorgaben der Wissenschaft ein hohes Maß an Legitimation mitliefert. Eine ernsthafte Verwirklichung dieser ehrgeizigen Programme unterbleibe dann aber in aller Regel, weil Politik und Verwaltung nicht wirklich daran glauben, dass sie verwirklicht werden können.

Die Tugend der Selbstbeschränkung

In ihrem allgemeinverständlich geschriebenen und an Anekdoten nicht armen Buch plädieren von Storch und Krauß für eine neue Rollenverteilung zwischen Klimawissenschaft und Klimapolitik. Sie empfehlen der Wissenschaft, sich darauf zu beschränken, Zusammenhänge herauszuarbeiten und allenfalls Handlungsoptionen und deren Konsequenzen zu formulieren, also als „ehrliche Makler“ wissenschaftlichen Wissens zu fungieren. Die Frage des Umgangs mit dem Klimawandel aber sei eine genuin politische, „keine Sache von richtig oder falsch, sondern eine Frage, wie wir leben wollen“.

Hans von Storch und Werner Krauß, Die Klimafalle: Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung, München: Carl Hanser Verlag 2013, 248 Seiten, 19,90 Euro

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