"Wir sind Normalbürger"

Was man im Oderbruch am Herrentag zur Elitenfrage denkt - mit tatkräftiger Unterstützung von Ulrike Mühlberg, Alex und Arne Grimm

Wer gehört eigentlich zur „Auslese der Besten“? Der 1. Mai war in diesem Jahr nicht nur Tag der Arbeit: Wir wollten wissen, was man an Christi Himmelfahrt im Oderbruch über das Thema Elite denkt und fragten auf einem Eisenbahnerfest und in einem Schloss nach.

„Wat is Elite? Juute Frage“, sinniert Peter vor seinem Bier sitzend. „Wir auf alle Fälle nicht. Wir sind Normalbürger“, sagt sein Kumpel Ingo. Für sie ist Himmelfahrt Herrentag. Peter und Ingo sind Mitte 50. Der Eisenbahnverein Letschin veranstaltet sein jährliches Fest. Die Kulisse bilden historische Signalanlagen und Devotionalien aus der Eisenbahngeschichte. Das Bier ist vergleichsweise günstig und der DJ spielt etwas verloren ein Medley aus Keimzeit, Puhdys und Karat. Ingo erinnert sich an alte Zeiten: „Da hatten wir die DDR-Elitetruppe, die bekamen Vergünstigungen.“ Jetzt ist für ihn die Elite „alles was Geld hat. Die ham Narrenfreiheit, Jachten und alles was wir nicht haben. Ohne Geld haste nix – außer Hartz IV.“

„Elite sind die drei Ps: Penis, Pulle, Portemonnaie“, wirft Peter ein. Friedhelm setzt sich zu uns. „Der is Elite, der hat’n Schwimmbad“, rufen die anderen beiden. Friedhelm winkt ab: „Aber keinen Neger, der’s sauber macht.“ Über solche Sachen lacht man hier. Der DJ spielt „Nüchtern bin ich so schüchtern“ und die Runde resümiert: „Wir müssen zufrieden sein, wenn wir Arbeit haben.“
Wolfgang kommt an die Bank. Zuerst will er auch nicht zur Elite gehören. Er überlegt ein wenig. Für ihn sind „Elite Leute, die glücklich sind. Weil es was Besonderes ist, glücklich zu sein.“ Er hat Arbeit, zwei Kinder und eine Frau. Unter dieser Definition zählt er sich jetzt auch zur Elite. Die anderen drei trinken Bier.

Am Tresen treffe ich Egon. Er ist Milchfahrer. „Wat? Elite? Kenn ick nich’. Erdal-Rex oder wat?“ Es läuft Westernhagens „Freiheit“. Jetzt werden ein paar Fäuste in die Abendsonne gereckt und Leute singen mit. Am nächsten Stehtisch ist für Rainer die Elite klar: „Groß, blond, blauäugig.“ Männlich oder weiblich? Rainer ist irritiert und überlegt: „Männlich natürlich.“ Neben ihm stehen Werner und Arthur, beide sind über 70, alle drei sind ehemalige Eisenbahner. Unter den Eisenbahnern sind die Lokführer die Elite. „Aber nur Dampflokführer“, ergänzt Arthur. Leider gebe es heute nur noch „Lokbediener“. Werner sagt: „Meine Elite steht hinter euch: Das ist meine Frau.“ Er selbst zählt sich nicht zur Elite, war aber sein Leben lang Lokführer. Natürlich auch Dampflokführer.

„Alle jungen Menschen können Elite werden“

Einer der restaurierten S-Bahnwagen stammt noch auf der Dampflokzeit. Es ist ein Dritte-Klasse-Wagen, Raucher und Nichtraucher gemischt. Man sitzt dort recht bequem. Ich treffe Renate. Sie ist Ende 40. Für sie bedeutet Elite „Leute, die einen guten Job haben und angesehen werden. Sie genießen Vorzüge, die sie eigentlich nicht brauchen, weil sie ohnehin Geld haben.“ Das findet Renate ungerecht. Sie fühlt sich nicht zugehörig, denn die „Elite ist jung und mutig. Alle jungen Menschen können Elite werden.“

Vielleicht kann ich ihnen dabei zuschauen. Die Dorfjugend hat beim Tanz in den Mai ordentlich gefeiert, will sich aber das Herrentagsfest der Eisenbahner nicht entgehen lassen. Nach zwei weiteren Kleinen Feiglingen schläft Andreas auf der Bierbank ein. Seine Freunde leihen sich meine Stifte und bemalen damit sein Gesicht. Nancys Freundinnen finden derweil: „Elite sind alle, die so aussehen wie Nancy.“ Nancy trägt eine Vokuhila-Frisur mit blond-schwarz-rosafarbenem Zebramuster und reichlich Zahnpiercing. Auch für Nancy sind Politiker keine Elite. „Eher die Bundeswehr.“ Damit steht sie in alter preußischer Tradition.

Die alten Eliten riechen etwas muffig

Da wir die Elite beim Adel vermuten, besuchen wir das Schloss Gusow. Sein ehemaliger Besitzer, Georg Derfflinger, wurde Anfang des 17. Jahrhunderts als Kind „geringer Leute“ geboren. Er diente sich in verschiedenen Heeren hoch, bis er 1651 das Schloss erwarb. Später war er Reichsfeldmarschall des brandenburgischen Heeres unter Kurfürst Friedrich Wilhelm. Und auch „Freiherr von“. Zweifelsohne gehörte er da schon zur Elite.

Im Schloss Gusow ist vom preußischen Landadel nicht viel geblieben. Eine sowjetische Kommandatur nutzte das Haus. Seit 1993 ist es im Privatbesitz. Im Museum riecht es etwas muffig. Das liegt vielleicht an den alten Uniformen der „langen Kerls“, die zur preußischen Militärelite gehörten und groß sein mussten, um das Bajonett zu führen. Heute gibt es Kaffeehausmusik live, Kuchen und von der Terrasse den Blick auf den Schlosspark. Ein paar jüngere Akademiker diskutieren hier, was sie unter Elite verstehen.

Für Hartmut sind Eliten „geschlossene Gruppen“ und vor allem „reiche alte Familien“. Politiker zählen für ihn nicht dazu. Arndt widerspricht ihm, es gebe eine Elite „qua Amt“. Minister oder Abgeordnete, die „können zwar strunzdumm sein, gehören aber zur Elite. Schließlich führen die.“ Auch Sybille will nicht die Reichen per se zur Elite zählen, nur „die Besten, Spitzensportler oder super Künstler. Alle, die Höchstleistungen in ihrer Umgebung bringen“. Darauf einigen sich die drei und finden dann, dass auch noch Menschen mit „viel Geld“ dazu gehören, schließlich zählen die auch „zur Führungsschicht“. Am Piano spielt jemand eine romantische Interpretation von „Auferstanden aus Ruinen“.

Elite ist nur eine Frage der Perspektive

Ich erinnere mich an Renate vom Eisenbahnerfest. Für sie gehörten Politiker zur Elite; „aber Bürgermeister eher nicht – nur Politiker!“ Schließlich treffe ich noch Michael, den Ortsbürgermeister. Ob er dazu gehört? Er weicht aus. Für ihn bedeutet Elite „wenn jemand fortschrittliche Gedanken hat und diese auch umsetzen kann“. Der Herrentag im Oderbruch hat gezeigt, dass viele Menschen zur Elite gehören können. Vielleicht sollte man die Frage wie Hartmut beantworten: „Elite ist nur eine Frage der Perspektive – und in welcher Gruppe man sich gerade bewegt.“

Eisenbahnverein Letschin – am Bahnhof Letschin, an der L 334, 15324 Letschin, www.evl-letschin.de
Schloss Gusow – Museum, Pension, Restaurant – Schlossstraße 7, 15306 Gusow, www.schloss-gusow.de

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