Und freitags in die "Grüne Hölle"

Wo ist bloß die Elite?

"Elite [frz., zu elire "auslesen"] die, -/-n, seit dem 17. Jh. in Frankreich geläufige, im 18. Jh. auch als Lehnwort ins Deutsche übernommene Bez. für eine soziale Gruppe, die sich durch hohe Qualifikationsmerkmale sowie durch eine besondere Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft auszeichnet, in dieser Weise die gesellschaftl. Wirklichkeit in zentralen Bereichen (z.B. Wiss., Politik, Verw., Wirtschaft, Kultur) prägt und deren Entwicklung maßgeblich bestimmt.
(Brockhaus, 20. Aufl., Leipzig/Mannheim 1996)


Es gibt Leute, die meinen, das Bötzowviertel im Prenzlauer Berg sei der beste Kiez Berlins: Im Osten grenzt es an den großen Volkspark Friedrichshain, im Westen wartet gleich hinter der Greifswalder Straße das Szeneviertel rund um Kollwitzplatz und Winsstraße. Hinunter nach Mitte sind es bloß vier Straßenbahnstationen, und trotzdem sind die Mieten noch erschwinglich. Wo, wenn nicht hier, soll man sich auf die Suche begeben nach jener sozialen Gruppe, mit der sich die deutsche Sozialdemokra-tie derzeit so demonstrativ anfreundet, der Elite?

Aus dem Französischen ist das Wort entlehnt, weshalb wir unsere Recherche im einzigen französischen Restaurant des Viertels (mit Feinkostladen und Weinhandlung) beginnen. Im Chez Maurice ist sonntags gegen 22 Uhr der Gästeansturm bereits vorüber. Bei französischer Musik, einem Landwein (3,50 Euro) und vorzüglichen Speisen (13 bis 17 Euro) kann man durch die großen Fenster des Lokals hinüberschauen in das Architekturbüro auf der anderen Straßenseite (zu DDR-Zeiten ein Blumenladen), wo sich junge Menschen über Computermonitore beugen.

Gesehen, so erzählt der Wirt, habe man hier schon einen guten Teil der politischen Prominenz, "Künstler sowieso". Auch Angela Merkel sei neulich erst dagewesen und habe sich sichtlich wohl gefühlt. (Obwohl die Leute, die Merkel wahrscheinlich für Elite hält, nicht in der Gegend wohnen - die CDU holte hier bei der jünsten Bundestagswahl ganze zwölf Prozent.)

Lümmelt die Elite auf weißem Leder?

Wenige Häuser weiter hat vor kurzem die saphire bar eröffnet. Nicht wirklich als Hürde, doch als erstes Symbol für den elitären Auswahlprozess, müssen wir eine Klingel bedienen. Und werden trotz uncooler Fleecejacke eingelassen. Drinnen lümmeln Damen und Herren in schwarzen T-Shirts auf weißem Leder. Die Karte offeriert Dutzende Whiskys und mehr als 200 Cocktails. Die gesamte Bar ist im eleganten 60er-Jahre-Chic durchgestylt.

Der Redakteur einer Sonntagszeitung gesteht, dass er sich im Bötzowviertel erst richtig wohl fühlt, "seit es diese Bar gibt". Also erst ein paar Monate. Als zweite Selektion könnte das nach Tageszeiten differenzierte Preissystem zwischen 6 und 9 Euro für die - perfekt zubereiteten - Mixgetränke darstellen, die es dem einfachen Arbeiter nicht leicht machen, einen Abend hier zu verbringen.

Es wundert daher nicht, dass im nahen Esmarch-Eck die proletarische Elite die Neuerungen im Kiez mit Skepsis betrachtet. Hier hat sich seit Ewigkeiten wenig verändert: Die hölzernen Rolläden, die nach Thekenschluss herab scheppern, dürften noch Vorkriegsware sein. Die Sanitäranlagen stammen aus der DDR. Die Marktwirtschaft hat eine Billardplatte und einen Spielautomaten gebracht. Im Esmarch-Eck klopft man zur Begrüßung auf die Tische der anderen Gäste. Für Hunde steht ein Napf mit frischem Wasser bereit. Die Speisekarte vermerkt ausschließlich Getränke, ein großes Pils kostet 1,80 Euro.

Alle paar Wochen tagt im Hinterzimmer der SPD-Ortsverein. Eine Runde stolzer Ostler erzählt, dass dieses Lokal die "Grüne Hölle" genannt wird. Sie lästern über die saphire bar, da könne man "nach Feierabend ja mal im Arbeitsanzug hingehen". Alle lachen. Hier dagegen, erzählt ein Mann, den die anderen "Nudossi" nennen, kämen wirklich alle hin: Junge, Alte, Arbei-ter, Arbeitslose, ein Anwalt gehöre zu den Stammgästen und der Chef der Öffentlichkeitsarbeit von irgendeiner Firma. Manne Krug war auch schon da. Und "die Leute von den DEFA-Filmen". Aber das dürfte etwa 15 Jahre her sein. Damals wurde das Lokal selbst zum Star: Und freitags in die Grüne Hölle hieß ein DDR-Dokumentarfilm über Fußballfans und ihre Stammkneipe. Carola, die neue Inhaberin, verrät ihr Erfolgskonzept: "Berliner Schnauze und einfach janz normal sein, wie in ′ner jroßen Familie."

Nicht zu vergessen Olaf Scholz

Also, wo ist denn nun die Elite? Die Straßennamen erzählen, wer zu welchen Zeiten dafür gehalten wurde. Die zentrale Bötzowstraße ist benannt nach der Berliner Grundbesitzer- und Brauereifamilie, die im 19. Jahrhundert durch Parzellierung und Verkauf ihrer Äcker im Berliner Norden sowie durch ihr Bier und ihre Biergärten steinreich wurden. Die Knipro-destraße erinnert seit 1901 an Winrich von Kniprode, einen Hochmeister des Deutschen Ordens, der im Mittelalter den Osten germanisierte (sehr frühe deutsche Elite!), folgerichtig wurden die Querstraßen des Viertels nach deutschen Städten in Ostpreußen benannt (beispielsweise Allenstein, Lippehn, Woldenberg). 1974 verewigte die DDR ihr Elitenkonzept, als sie diesen Straßen die Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer - etwa Liselotte Hermann oder Dietrich Bonhoeffer - verlieh.

Und die Elite von heute? Die Geheimtipp-Mäd-chenband ElectroCute wohnt im Bötzowviertel, ebenso ein Büchnerpreisträger und eine Filmfirma, deren Produktion schon mal für einen Oskar nominiert war. Nicht zu vergessen Olaf Scholz. Auch die Maischberger soll sich hier vor kurzem ein Dachge-schoss gekauft haben. Morgens läuft man ihnen in der Bäckerei Lau am Arnswalder Platz über den Weg (die wahrscheinlich besten Schrippen und Spritzku-chen Berlins!). Und abends im italienische Restaurant Brot und Rosen, einem der Lieblingslokale der regierenden Toskana-Fraktion.

Der Barmann grinst genießerisch

Fiona und Irmelinde dagegen sind Stammgäste in der Sonderbar, sie schwärmen von ihrer "wirklichen Kiezkneipe", einem "kleinen gallischen Dorf im Strom der Touristen". Und der Elite. In einem ehemaligen Konsum-Büro entstand vor elf Jahren die erste Nachwendekneipe des Kiezes. Seitdem hat sich an Wänden und Decken allerlei angesammelt: Girlanden, Kronleuchter, Plüschhocker, Plastikfische auf weißen Kacheln, nackte Barbiepuppen, die sich in freizügigen Stellungen gruppieren ("Wer ficken will, muss freundlich sein", kommentiert eine Karte). Der Barmann grinst genießerisch, als er von den Gästen als "der schöne Filip" vorgestellt wird. In Fotoalben neben der Tür werden die Geburtstagsfeiern des Etablisments mit seinem ausgelassen schwul-lesbischen Publikum dokumentiert.

Jüngste Kneipe ist das Grad Celsius ganz am Rand des Bötzowviertels. Kurz vor Weihnachten hat es eröffnet, angeschlossen sind eine Nähstube und ein Waschsalon, beide durch den Gastraum zu betreten. Sonntags gibt es - während sich hinten Jeans und Anoraks drehen - vorn ein Familienbrunch. Mutti und Vati zahlen 7,50 Euro, "Kinder unter 111 cm" essen frei. Und das ist doch nun wirklich ... elitär? I wo, eine Innovation!

brot und rosen - Am Friedrichshain 6 -Tel. 423 19 16
chez maurice - Bötzowstraße 39 - Tel. 425 05 06
esmarch-eck - Esmarchstraße 9
grad celsius - Greifswalder Straße 215 (Ecke Immanuelkirchstr.) - Tel. 34 33 94 21
bäckerei lau - Pasteurstraße 32
saphire bar - Bötzowstraße 31 - Tel. 25 56 21 58
sonderbar - Käthe-Niederkirchner-Straße 34

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