Hitlers langer Schatten

Das noch immer bestehende Verbot von Adolf Hitlers programmatischer Hetzschrift Mein Kampf ist ein Anachronismus. Weil eine starke Demokratie aufgeklärte Menschen braucht, ist es höchste Zeit für eine historisch-kritische Edition

Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen im Rahmen der Entnazifizierungsbestrebungen der Alliierten die Urheber- und Verlagsrechte von Adolf Hitlers Mein Kampf an den Freistaat Bayern. Seit dieser Zeit galt und gilt in der deutschen Öffentlichkeit weithin als unbestritten, dass die Verbreitung dieses Buches unbedingt unterbunden werden muss. Der Ungeist, den diese Hetzschrift enthält, so die gängige Auffassung, solle keine Gelegenheit mehr erhalten, sich in Deutschland auszubreiten. Daher kam es in den letzten 50 Jahren allenfalls zur Veröffentlichung kommentierter Textausschnitte. Einen vollständigen Abdruck von Mein Kampf hat die bayerische Landesregierung hingegen stets abgelehnt.


Nun kann man naturgemäß trefflich darüber streiten, ob Adolf Hitler seinerzeit seine große Ausstrahlungskraft auf die deutsche Bevölkerung wirklich dadurch erlangt hat, dass große Teile der Bevölkerung tatsächlich Mein Kampf lasen, oder ob es nicht eher umgekehrt so gewesen sein könnte, dass sich die nationalsozialistische Bewegung auch deshalb so ungeheuer erfolgreich entwickelte, weil kaum jemand das Buch gründlich gelesen hatte. Aber wie auch immer. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto fragwürdiger wird in jedem Fall die - keine Frage - gut gemeinte Haltung der Regierung des Freistaates Bayern, eine wissenschaftliche Ausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf auch weiterhin nicht zuzulassen.


Es ist eine alltägliche Weisheit, die vor allem von Eltern bestätigt wird, dass Kinder und Jugendliche sich besonders für diejenigen Dinge interessieren, was verboten oder zumindest nicht erwünscht sind. Gerade die Tatsache, dass Adolf Hitlers Mein Kampf in deutschen Buchhandlungen nicht gekauft werden kann, verleiht diesem Buch für viele junge Menschen infolgedessen etwas Geheimnisvolles und Anziehendes. Den besten Schutz erfährt die Demokratie daher nicht dadurch, dass den Menschen Informationen vorenthalten werden, sondern umgekehrt dadurch, dass sie - auch durch unser Bildungssystem - zu selbstbewussten, kritischen und informierten Bürgern herangebildet werden.


Und hierzu gehört auch der freie Zugang zu Adolf Hitlers Mein Kampf. Diese Einschätzung wird inzwischen von immer mehr Rechtsextremismusexperten sowohl aus der Wissenschaft als auch beim Verfassungsschutz geteilt. Beispielsweise ließe sich durch die Lektüre von Hitlers Hetzschrift sehr leicht demonstrieren, dass der spätere Diktator von Anfang an den Holocaust beabsichtigte und dass daher auch die häufig gehörten Behauptungen absurd sind, man habe in Deutschland von Hitlers Plänen nichts gewusst beziehungsweise wissen können, oder Hitler habe in Wirklichkeit den Holocaust nie geplant und betrieben.

Gut gemeint - aber nicht gut

Der gewiss gut gemeinte Vorsatz, die Jugend in Deutschland durch die Verweigerung eines Abdrucks von Mein Kampf vor Verirrungen zu schützen, ist im Zeitalter des Internet ohnehin bestenfalls naiv. Buchstäblich jedes Kind kann, wenn es denn will, im WorldWideWeb in Bruchteilen von Sekunden problemlos deutsche oder englische Volltextversionen des Buches von ausländischen Servern herunterladen. Dafür sind nur wenige Stichworte und eine völlig durchschnittliche Suchmaschine nötig.

In zwölf Jahren kommt das Buch sowieso

In Deutschland und in der Europäischen Union endet die Schutzdauer des Urheberrechts 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Für Adolf Hitlers Mein Kampf endet diese Schutzfrist also im Jahr 2015. Danach wären deutschsprachige Ausgaben in der Bundesrepublik auch ohne Zustimmung der bayerischen Landesregierung möglich. Es dürfte wahrscheinlich kaum juristische Möglichkeiten geben, solche Ausgaben als Tatbestand der Volksverhetzung zu verhindern, da es sich bei dem Buch um eine so genannte "vorkonstitutionelle Schrift" handelt: Sie wurde vor der Gründung der Bundesrepublik geschrieben und veröffentlicht und kann sich schon aus diesem historischen Grund nicht explizit gegen den Grundbestand der Bundesrepublik Deutschland wenden.


Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es genügend rechtsextremistische Verlage in Deutschland gibt, die nur auf die gelegenheit warten, die Gunst der Stunde zu ergreifen und Ausgaben von Mein Kampf auf den Markt zu bringen. Wer diesen Leuten ihr übles Geschäft verderben will, der kann nur eines tun: Zuerst reagieren und so schnell wie möglich eine historisch-kritische Ausgabe des Buches ermöglichen. Dies würde übrigens auch dazu führen, dass rechtsextremistischen Antiquariaten die Geschäfte untergraben würden. Derzeit werden historische Ausgaben von Hitlers Mein Kampf in deutschen Antiquariaten zu Preisen von 100 bis 250 Euro völlig legal gehandelt.


Es ist einfach unverständlich, dass es in zahlreichen Ländern dieser Welt - selbst in Israel - möglich ist, vollständige Ausgaben von Mein Kampf in Buchhandlungen zu erwerben, in Deutschland jedoch nicht. Haben wir tatsächlich, im Gegensatz zu anderen Gesellschaften den paternalistischen Staat nötig, der uns - in Zeiten des Internets obendrein erfolglos - vorschreiben möchte, was zu lesen für uns gut ist und was nicht? Das Gegenteil dürfte richtig sein. Deshalb sollte die Bayerische Landesregierung schnellstmöglich die Veröffentlichung einer historisch-kritischen Ausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf ermöglichen.


Eine oder mehrere deutsche Universitäten könnten diese Aufgabe in einem interdisziplinären Projekt sicherlich in überschaubarer Zeit bewältigen. Diese Ausgabe sollte sodann deutlich überteuert auf den Markt gebracht werden (etwa mit einem Preisaufschlag von 20 Euro), wobei dann der entsprechende Differenzbetrag einer Stiftung zu Gute kommen könnte, die sich mit der Pflege des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus oder mit der Verhinderung neuer Formen des Rechtsextremismus auseinandersetzt.

Erst Klemperer lesen - und dann Hitler

Es wäre im Übrigen lohnend, darüber nachzudenken, ob die Lektüre ausgewählter Passagen von Adolf Hitlers Mein Kampf nicht in den Deutschunterricht höherer Schulklassen integriert werden könnte und sollte. Was etwa spräche denn dagegen, zunächst ausgewählte Passagen aus Victor Klemperers LTI zu der Frage zu lesen, auf welche Weise die Nationalsozialisten den Holocaust durch die Sprache systematisch vorbereitet haben, indem sie die Objekte ihrer Verbrechen zunächst entmenschlichten - und anschließend diese These Klemperers an Originalpassagen aus Hitlers Hetzschrift zu überprüfen und zu belegen?


Für die Frage zu sensibilisieren, welcher elementare Zusammenhang zwischen der Sprache sowie dem Denken der Menschen und ihren Taten besteht, dürfte jedenfalls nicht die schlechteste pädagogische Aufgabe sein, die der Deutschunterricht leisten könnte.

zurück zur Person