Gibt es ein Leben nach der Wahl?

Die "Generation Berlin" gilt als erledigt. Doch der Eindruck täuscht. Tatsächlich beschreibt der Begriff eine bestimmte, von Schröder oder Stoiber unabhängige Generationenlage. Was sie weiterhin kennzeichnen wird, ist ihre Skepsis gegen große Sprüche

Neue Mitte", "Generation Berlin" schließlich "Berliner Republik" - drei Begriffe, die bei der großen Schlagwortlotterie der letzten Jahre aus dem Topf gezogen worden waren. Sie wurden benutzt, um eine Veränderung zu beschreiben, die mit dem Wegzug der Regierung aus ihrem rheinischen Geburtsort und dem Regierungswechsel von schwarz-gelb zu rot-grün einherging. Für alle, die daraus Themen für Vorträge, Artikel, ganze Zeitschriften sogen, stellt sich im aktuellen Wahlkampf die Frage: Waren es lediglich zwei parallele Ereignisse, die sich einen gemeinsamen Nenner schufen, reif für den Austausch gegen neue Parolen nach vier Jahren? Zugespitzter: Wird die Kampagne 2002 mit ihrem marodierenden Politmarketing diese Begriffe geschreddert und verwüstet zurücklassen - oder wird die Generation Berlin und mit ihr die vage Vorstellung einer Berliner Republik diese Wahl überleben?


Es liegt nahe, die Antwort vom Ausgang des Wahlkampfes abhängig zu machen, schon aufgrund der politischen Positionen, die die Protagonisten einer "Generation Berliner Republik" eingenommen haben: Bleibt Schröder, heißt es: "Weiter so, Berliner Republik!" Kommt Stoiber, heißt es: "Stop, zurück auf Los!" Diese allzu schnelle Antwort übersieht aber, dass die Generation Berlin nur ein spezieller Ausdruck für eine ganz bestimmte, von Schröder oder Stoiber unabhängige Generationenlage ist. Es geht bei ihr um die Situation einer Reihe von Jahrgängen, die sich bereits vorher lustvoll selbst bespiegelt haben - davon auch nach dieser Wahl nicht ablassen werden. Es betrifft Geburtsjahrgänge, die etwa Ende der Fünfziger beginnen und etwa Anfang der Siebziger enden. Scharen von Autoren haben sich um sie bemüht, angefangen bei Matthias Horx und Reinhard Mohr, die die Generation nach der Revolte skizzierten. Sie schlugen den Grundton derjenigen an, die mit den Achtundsechzigern leben mussten, ohne selbst noch zu ihnen zu gehören. Der Soziologe Claus Leggewie wählte den Titel Die 89er, aufgehängt am Epochenbruch, der die bipolare Welt beendete. Diese Betitelung wurde mehrfach aufgegriffen, unter anderem von zwei jungen Werbern aus ... nun ja: Berlin, die ihr Dasein mit der Tugend der Orientierungslosigkeit (Goebel/Clermont) in den Griff bringen wollten. Auf der hart rechten Seite fühlte sich der Typus des Rechtsintellektuellen von Botho Strauss angeregt (Schacht/Schwilk: Die selbstbewusste Nation). Selbst der Typus des Corpsstudenten (Wir 89er) machte irgendwie mit.

Denken, was man will - und das Gegenteil

Trotz der Vielstimmigkeit der Selbstbeschreibungen gibt es einige Gemeinsamkeiten, die ohne weiteres auch für Generation Berlin gelten können: Noch nie gab es eine Generation, die so frei im Denken aufwachsen durfte. Die keinen Popanz in Form von Nationalismus oder Kommunismus als Denkersatz vorgesetzt bekam. Sie kann denken, was sie will. Aber mit welchem Ergebnis? Zu jedem beliebigen Thema kann sie jede beliebige Meinung formulieren. Und die jeweilige Gegenmeinung. Und die Synthese aus beidem. Und die Parodie derselben, wahlweise nach Art von Stefan Raab oder Harald Schmidt. Das Schema von Rebellion und Anpassung, das die überschätzte Generation der Achtundsechziger vorgegeben hatte, erfüllte die Generation Berlin nicht mehr.


Charakteristisch waren eher die Umbrüche, die sich wie von selbst einstellten, die Tabus, die sich freiwillig brachen: Die Implosion der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges. Die Bundeswehr, erst im Ausland, dann im Krieg. Die Atomkraft, erst ausgebaut, dann an sich selbst gescheitert. Explodierte Space Shuttles. Ministerpräsidenten in der Badewanne. Kanzler mit Spendern. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Zwischendurch in den achtziger und neunziger Jahren die beispiellose Kommerzialisierung - mit einer Wucht, die wohl die meisten unterschätzt haben. Die Generationen, die das reflektieren, haben genau erfahren, dass alles immer auch ganz anders kommen kann. Wobei die positiven Überraschungen mindestens genauso nachhaltig wirkten: Bisher kein dritter Weltkrieg, die Umweltapokalypse erst einmal verschoben, kein neues Dreiunddreißig.

Was bleibt, ist ein fragmentiertes Weltbild

Skepsis gebiert Skepsis: Mangels Perspektiven für die Weltrevolution wird der Anspruch, immer das große Ganze im Auge zu haben, nicht mehr geglaubt. Alleinvertretungsansprüche mit dem samtigen Pathos der Alten Mitte gelten nicht mehr. Ebenso wenig wie die faden Wahrheiten in den Rückzugsräumen der Political Correctness: Alle Männer sind Schweine! Ausländer rein! Soldaten sind Mörder! Hoch die internationale Solidarität (und runter vom Rasen meines ideologischen Kleingartens)! Was bleibt, ist ein fragmentiertes Weltbild, das auf major approaches und Visionen verzichtet. Ein "Leben ohne Utopie" (Johano Strasser), bei dem der Reflexion, ob das nun eigentlich einen Mangel darstellt, wenig Raum gelassen wird. Patentrezepte werden skeptisch beäugt, ebenso wie rücksichtsloser Optimismus - ob er sich auf die Chancen des Internets bezieht oder der Besserung der Menschheit durch freigiebigen Gebrauch von Steuergeldern. Charakteristisch ist, dass es keine gemeinsame, visionäre politische Idee gibt, hinter der sich diese Generation versammeln könnte. Keine alte und keine neue, wie sie von der Attac-Bewegung behauptet wird. Außer der einen: dass es so nicht mehr lange gehen wird und dass die untergründige Sehnsucht anderer Jahrgänge nach der Ruhe der Ära Kohl ins Abseits führt. Kennzeichnend und deshalb vermutlich auch generationenbildend ist die Problemwahrnehmung.

Irgendwann demnächst kommt die Rechnung

Dass die Perspektiven in Wirklichkeit bescheiden sind, weiß jeder, der sich mit Zahlen beschäftigt - und diese Generation hat es gelernt, die Macht der Zahlen und der Ökonomie nicht zu unterschätzen. Die demografischen und ökonomischen Entwicklungen der Zukunft bedeuten für die heute Berufstätigen dieser Jahrgänge vor allem eines: Sie werden doppelt zahlen, denn die Aufgaben sind nicht mehr aufzuschieben. Der Umbau des Sozialstaates, die Modernisierung des Arbeitsmarktes, die Schaffung tragfähiger Strukturen für eine alternde Gesellschaft, in der junge Menschen zur wertvollsten Ressource werden, die Reform des Gesundheitssystems - das alles steht an. Man hat über seine Verhältnisse gelebt, irgendwann demnächst kommt die Rechnung. Der 11. September 2001 ist nur ein weiterer, wenn auch einer der schockierendsten Beweise dafür, wie begründet die Skepsis gegenüber den alten Sicherheiten ist. "Das Böse ist immer und überall" sang die Erste Allgemeine Verunsicherung. In die Zukunftserwartungen sind diese Dinge schon eingepreist. "Ich sage nie mehr ‚nie wieder‘", sagt Grönemeyer heute.


Die Selbstwahrnehmung einer Generation ist das eine, die Art, in der sie die Probleme rund umher wahrnimmt, das andere. Ein dritter Aspekt lässt diese Generation Berlin sehr real werden - das ist die Kritik ihrer Gegner. Allein die Art, wie die ZEIT, das Zentralorgan der etwas reiferen Jugendbewegungen, sich verschiedentlich an der Generation Berlin gerieben hat, führt das plastisch vor Augen: Diese selbst ernannte Generation fördere die Verspießerung des intellektuellen Klimas, befand die Wochenzeitung. Sie konstituiere sich aus den Gebildeten unter den Focus-Lesern (was wohl nicht schmeichelhaft gemeint war) und habe einen Affekt gegen den Egalitarismus. Von Geschichtsvergessenheit war an anderer Stelle die Rede - das ist in diesem Weltbild nun wirklich böse. Und an anderer Stelle ähnlich: Ein Bandscheibenattest habe die Generation, wenn es um das Schultern der Vergangenheit gehe.

Da wäre doch blöd, wer nicht dabei sein wollte

Ohne die Gründe weiter zu beleuchten, aus denen besonders die Angst vor der Geschichtslosigkeit hervorkommt: Bei so viel ernst gemeinter Boshaftigkeit der älteren Jahrgänge wäre man als Jüngerer blöd, wenn man auf die Zugehörigkeit zu dieser Generation verzichten wollte. Selbst wenn man auf den vergilbenden Zeitgeist verzichtet, der aus diesen Reaktionen spricht: Solche Gemeinsamkeiten konstituieren eine Generation Berlin, die es auch nach dem 22. September noch geben wird.


Im Wahlkampf selbst wird sie eher auf die Zwischentöne hören, das bringt die skeptische Grundstimmung mit sich: Skepsis gegenüber den überdimensionierten Botschaften die jetzt wieder erörtert werden. Große Versprechungen sind unglaubwürdig (wie war das mit den 600 Euro Familiengeld?) ebenso wie die überbordende Selbstzufriedenheit bei dem Versuch, die nun ablaufenden vier Jahre per Akklamation zu einer einzigen großen Erfolgsstory umzudefinieren: Nur wer allen Ernstes geglaubt hat, die Neue Mitte befinde sich dort, wo seltsame Leute mit Ziegenbärtchen in Lofts sitzen und geheimnisvolle Dinge mit ".com" am Ende machen, Leute, die am Ende alle aktienoptionsschwere Vorstandsmitglieder von eben diesen ".coms" sind, der muss heute wirklich enttäuscht sein. Mit der Durchsetzungskraft einer Neuen Mitte oder einer politischen Generation Berlin hatte das nichts zu tun. Wer darin eine Negativbilanz erkennt, zeigt damit nur, dass er betrogen werden will. Wenn die Reparaturgesellschaft mit der Arbeit beginnt, gibt es keinen tosenden Beifall.


Charakteristisch erscheint heute vielmehr, dass die Bundesregierung mit der Ökosteuer und der Rentenreform zweimal Ehrlichkeit praktiziert hat - genau dort, wo am wenigsten Lob zu erwarten war. Wie man überhaupt sagen kann, dass es dort am konstruktivsten zuging, wo der Beifall ausblieb. Charakteristisch ist auch, dass jedenfalls auf der anderen Seite die alten Instinkte immer noch hervorragend funktionierten: Bei den Streitfällen Zuwanderung, Ökosteuer und Atomausstieg war die alte bundesdeutsche Schlachtordnung schnell wieder her- gestellt.

Ist dieser Stoiber wirklich "authentischer"?

Mindestens ebenso viel Misstrauen wie die lauthals verkündeten Patentrezepte ruft der Anspruch auf Authentizität hervor, der jetzt allerorten diskutiert wird. Dazu gehört auch die Etikettierung Gerhard Schröders als Medienkanzler: Wer sich heute über die Inszenierung der Parteien beschwert, der glaubt auch, dass jeden Tag genau so viel passiert, dass es in 15 Minuten Nachrichten passt. Die Generation Berlin hat ganz pragmatisch gelernt, dass es ohne die - notwendigerweise manipulative - Vermittlung der Medien nicht geht. Der Vorwurf der Medieninszenierung ist da kein Gegenargument. Und man fragt sich, ob der aus der Not geborene Programm-Wahlkampf eines Edmund Stoiber ehrlicher ist - oder ob er nicht eher noch eine weitere reflexive Drehung an den Kommunikationsstellschrauben des Wahlkampfes bedeutet. Der Glaubwürdigere in diesen Monaten bleibt, wer die wenigen Überzeugungen verkündet, die er hat - aber auch nur die. Und wer nicht mehr behauptet, als er weiß. Denn die Skeptiker erkennen die feinen Unterschiede - auch in den nächsten vier Jahren.

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