Erfolgreich altern

Deutschland im demographischen Wandel

Die stille Revolution der Alterung prägt das Gesicht der jungen Berliner Republik. Demographische Prozesse verlaufen mit langer Dauer und nachhaltigen Konsequenzen. Eine stark gesunkene Geburtenziffer trifft auf eine stetig steigende Lebenserwartung. In den nächsten 30 Jahren wird der Anteil der über 60jährigen auf weit über ein Drittel ansteigen, der Anteil der unter 20jährigen wird auf ein Siebtel zurückgehen. Die Bevölkerung wird altern und gleichzeitig schrumpfen, ein Phänomen ohne historisches Vorbild. In Politik und Gesellschaft wird der demographische Wandel zumeist verdrängt, selektiv auf das "Rententhema" reduziert und mit regressiven Attributen belegt.

Bevölkerungsprognosen sind wesentlich zuverlässiger als Wirtschaftsvoraussagen, auch a la longue. Die jungen Alten des Jahres 2020 sind die heute 40jährigen, auch die 60jährigen des Jahres 2050 leben bereits. Gut begründet sind die Annahmen von Prognos, DIW, IW und anderen, die auch auf längere Sicht die Geburtenrate auf ihrem Niveau verharren sehen. Durch die niedrigen Geburtenzahlen sind weitere Rückgänge programmiert. Am anderen Ende der Altersskala tut sich mehr, wir werden weitere Lebensjahre gewinnen. Neben medizinischen und technischen Fortschritten spielt die sinkende Zahl gesundheitsgefährdender Arbeitsplätze eine wichtige Rolle.

Die Effekte des demographischen Wandels verändern alle Bereiche unserer Gesellschaft tief. Dies betrifft den Städtebau und den Arbeitsmarkt, den Konsum und die Dienstleistungen, die Familien und die Bundeswehr, die Gesundheit und die soziale Sicherung.

Im Alltag der Familien wird deutlich, was sich qualitativ verändert. Zunehmend gibt es neben der originären Sorge für Kinder eine neuartige Sorge-Dimension: von Jüngeren für Ältere. Verantwortungen und Verpflichtungen massieren sich zwischen 30 und 60 Jahren. Sie müssen fairer und sinnvoller verteilt werden, weil sich die Aufteilungen der Altersgruppen irreversibel verschieben.


Es gibt sehr gute Gründe, Familien finanziell zu entlasten oder auch, ihnen eine bessere Infrastruktur (zum Beispiel Tagesschulen) anzubieten. Die Bewältigung des demographischen Wandels durch "Geburtenförderung" freilich zählt nicht dazu. Die Geburtenrate ist mit politischen Mitteln kaum zu vergrößern. Alle entsprechenden Versuche sind in den modernen Gesellschaften fehlgeschlagen. Auch in der Bundesrepublik Deutschland blieb das generative Verhalten jeweils so gut wie unbeeinflusst von sozial- oder familienpolitischen Maßnahmen. Die niedrige Geburtenrate ist durch neue Lebensziele und Lebensstile (Mobilität) beeinflusst, vor allem aber durch ökonomische Ursachen bedingt. Je erfolgreicher die Wirtschaftspolitik ist, je höher der Lebensstandard und der allgemeine Wohlstand sind, desto niedriger liegen die Geburtenziffern.

Einen verjüngenden Einfluss auf das Durchschnittsalter unserer Bevölkerung haben Zuwanderer. Sie sind in der Regel relativ jung und haben mehr Kinder pro Familie. In anderen Ländern mit vergleichbarem Bedarf an dauerhafter Zuwanderung gibt es klare Regeln. Es wird festgelegt, welche Personen(gruppen) kommen sollen und wie sie dann möglichst gut integriert werden. Eine pragmatische Politik, zum Beispiel in Kanada, bestimmt Quoten sowie Kriterien wie Alter, Qualifikation und Berufskompetenz. Vom Umfang her ist in Deutschland zwar keine trendumkehrende wohl aber eine trendmildernde Wirkung zu erwarten. Einwanderungspolitik ist die wirkungsvollste Form der Bevölkerungspolitik.

"Zukunft Jugend" klingt wie eine magische Formel, die beschwören soll, was mit maximal 15 Prozent Hoffnungsträgern entschwindet. Andererseits verhindern hartnäckige Altersmythen, dass leistungsfähige Potenziale ergänzend mobilisiert werden. Es gibt zum Beispiel keinen ökonomischen oder biologischen Grund, mit 55 oder 60 in den Ruhestand zu gehen. Dennoch nimmt die arbeitsfreie spätere Lebensphase stetig zu. Paradox ist auch, dass das Leben immer länger wird, die vollwertige Teilhabe am politischen Leben hingegen immer kürzer. Konträr zu wachsenden Anteilen bei Parteimitgliedern wie Wählern, ist die Präsenz Älterer in Parlamenten und wichtigen Parteigremien seit Ende der 60er Jahre stark zurückgegangen. Als Neueinsteiger in die Politik werden Ältere nicht geworben.

Die strukturelle Kluft zwischen den Leitbildern und dem Regelwerk unserer Gesellschaft einerseits, Vitalität, Kompetenzen und Ressourcen der Älteren andererseits, ist groß. Das sogenannte Alter umfasst mittlerweile eine jahrzehntelange Zeitspanne, und das Altern verläuft individuell sehr variabel. Die Menschen sind in einem dritten (aktiven) Lebensalter oft körperlich und geistig fit, aber freigestellt von beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Verpflichtungen. Erst im vierten Lebensalter von 80 bis 100 Jahren häufen sich Rückzug und Beeinträchtigungen. Wir benötigen einen neuen sozialen Konsens darüber, was die Gesellschaft von den Älteren erwarten kann bzw. darüber, was die Älteren leisten sollen.

In einem linearen Lebensplan folgen bislang analog zu den traditionellen Lebensphasen Jugend, Erwachsensein und Alter die Abschnitte Schule/Ausbildung, Arbeit und Ruhestand aufeinander. Die Abfolge ist starr und orientiert sich an überholten sozialen Bezügen. Ein alternatives Szenario aus den USA sieht einen integrierten Lebensplan vor, in dem sich die drei Sektoren immer wieder neu sortieren (Abbildung). Die Arbeitsphase könnte schon heute bei vielen Menschen bis zum 70. Lebensjahr andauern, möglicherweise in zwanzig Jahren auch noch länger. Sie wäre aber laufend durch Phasen der Teilzeitarbeit sowie durch Lernen und Freizeit unterbrochen. Eine wesentlich bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist allerdings eine wichtige Voraussetzung.

Zusammenhänge von Alterung und Wirtschaftsentwicklung sind bislang wenig erforscht. Der Arbeitsmarkt wird bis 2020 vom demographischen Wandel weiter mäßig profitieren. Wachsen werden die Anforderungen an Flexibilität, Bereitschaft zur Weiterbildung und Umschulung. Bis etwa 2040 ist dann ein gewisser Arbeitskräftemangel aus demographischen Gründen wahrscheinlich, mit entsprechenden Auswirkungen auf die wirtschaftliche Dynamik. Auf jeden Fall wird es ein kleineres Potenzial an Arbeitskräften geben, und zugleich wird der Altersdurchschnitt der Erwerbstätigen wesentlich höher sein als heute. Eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen ändert zwar an den Altersrelationen nichts, erschließt aber produktive Ressourcen (zum Beispiel in Wissenschaft und Forschung).

Der Dynamo unserer Gesellschaft ist die Produktivität, es geht also in erster Linie darum, Produktivitätsreserven zu erschließen. Ein Zusammenhang zwischen dem Durchschnittsalter der Erwerbstätigen sowie der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft ist nicht belegt. Ein internationaler Vergleich zeigt, dass die produktivsten Gesellschaften seit Jahrzehnten die "ältesten" bzw. am schnellsten alternden sind. Belegt ist der zentrale ursächliche Zusammenhang zwischen Ausbildungsstand und Produktivitätsentfaltung.

Fortentwicklung und intensivere Nutzung des Humankapitals sind die zentralen Ansätze, auch künftig ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erzielen. Die mittleren und älteren Jahrgänge werden in Zukunft verstärkt den Innovationstransfer leisten müssen. Dafür müssen auf der betrieblichen Ebene Unternehmenskulturen, Qualifizierungskonzepte und Arbeitsorganisationen verändert werden, um Stärken und Schwächen unterschiedlicher Altersgruppen angemessen in Rechnung zu stellen. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive muss das Humankapital besser gefördert (Jugendliche) und erweitert werden (Frauen und Zuwanderer).

Weniger problematisch als die Angebotsseite ist die Nachfrageseite. Rein spekulativ ist die Annahme, (künftige) Ruheständler sparten weniger, steigendes Durchschnittsalter führe also zu geringerer Sparquote und abnehmender Kapitalbildung. Für das Konsumverhalten wird mittlerweile unterstellt, dass sich die Nachfrage im dritten Lebensalter zum Teil auf andere Güter verlagert, sie aber nicht dramatisch abnimmt. Immer mehr Unternehmen entdecken die neue Beweglichkeit und die Dimensionen des konsumierenden Alters. Personenbezogene Dienste von der Touristik bis zur Hauswirtschaft werden stärker in Anspruch genommen. Die durchschnittliche Haushaltsgröße wird weiter sinken, die Zahl der Einpersonenhaushalte weiter zunehmen, der Wohnungsbedarf also steigen.

Die finanzpolitische Brisanz der Bevölkerungsentwicklung liegt in ihrer Wirkung auf die sozialen Sicherungen. Bei den Ruhestandseinkommen ist ein neuer Mix erforderlich aus Steuer- und Transfersystemen, kapitalgedeckten Systemen, privaten Ersparnissen und Erwerbseinkünften. Er wird deutlich über das hinausgehen, was derzeit von Regierung und Opposition verhandelt wird. Die Pro-Kopf-Ausgaben für medizinische Versorgung steigen überproportional, weil die Zahl der Hochbetagten überdurchschnittlich wächst. Deren Anteil wird sich verdoppeln, die Zahl der 100-Jährigen wird sich verzehnfachen. Ob es tatsächlich sein muss, dass im hohen Alter (gesundheitliche) Probleme kumulieren, ist eine offene Frage mit hoher Relevanz für unsere Gesellschaft. Entsprechende Anstrengungen in der Forschung wären nötig, werden aber in Deutschland noch zuwenig gefördert.

Der große demographische Wandel wird sich in den nächsten zehn Jahren enorm beschleunigen und überall spürbar werden. Dies gibt uns nur eine begrenzte Zeit für Reformschritte in den Bereichen Alterssicherung (Übergang zur Kapitaldeckung), aktive Gesundheitsvorsorge und Betreuung (Pflege, Demenz), Finanzmärkte (Versicherungen etc.), Arbeit und Bildung (altersinvariante Durchlässigkeit), Stadt- und Raumplanung (Mobilität und Wohnqualität), Eigeninitiative und Bürgergesellschaft (ehrenamtliches Engagement). Eine wesentlich stärkere Nachfrage nach privaten und öffentlichen Dienstleistungen geht mit dem demographischen Wandel einher, zu rar sind aber noch die entsprechenden unternehmerischen Initiativen. Rechtzeitige Entscheidungen geben Deutschland die Chance zu einem erfolgreichen Altern. Bleibt das kooperative Handeln aus, verengen sich die Spielräume und Chancen mit wachsender Geschwindigkeit.

Entlastend im Wettbewerb ist, dass alle Industrieländer altern, zeitlich versetzt auch die Schwellenländer sowie die Entwicklungsländer. Den weltweit höchsten Anteil an über 60jährigen und die zügigste Alterung verzeichnet seit längerem Japan. Dort wird optimistisch von einer "Gesellschaft des langen Lebens" gesprochen, nicht wie bei uns von "Vergreisung". Das Ausmaß der Veränderungen ist tatsächlich kein schicksalhaftes Datum, sondern es ist zu beeinflussen. Einen strategischen Handlungsrahmen bietet eine Kombination von Konzentration, Optimierung und Kompensation. Die Beispiele zeigen, wie Potenziale gezielt ausgewählt werden (zum Beispiel Zuwanderer), die definierten Stärken (Humankapital) dann optimiert und schwindende Kompetenzen (Innovationsfaktor Jugend) kompensiert werden können.
Ein Vielfaches der deutschen Ausgaben wird in den USA pro Jahr in die Altersforschung investiert. Längst geht es dort nicht mehr nur um medizinische Projekte. Die Forschungen von Ökonomen und Sozialwissenschaftlern, von Psychologen und Bildungsforschern, von Natur- und Geisteswissenschaftlern werden als Investitionen in die Zukunft verstanden. "Zukunft Alter" ist ein Topos, der mittlerweile auch in deutschen Ministerien Platz greift, mit Projekten etwa des Wirtschaftsministeriums oder des Forschungsministeriums. Tony Blair hat in Großbritannien ein ressortübergreifendes Regierungsprojekt installiert, eine Konsultation könnte der deutschen Politik Impulse geben.

Diverse wissenschaftliche Disziplinen haben dazu beigetragen, dass wir über ein höchst differenziertes Bild der Bevölkerungsentwicklung und des neuen Alters verfügen. Eine Reihe von Institutionen, Unternehmen und Verbänden ist dabei, Lösungen zu entwickeln. Für die Generation Berlin ist es eine lohnende Aufgabe, einen gesellschaftlichen Lernprozess produktiv zu befördern. Die nächsten 30 Jahre, der Zeitraum, um den es in diesem Beitrag geht, sind der Handlungshorizont der nachrückenden politischen Elite. Wenn der demographische Wandel am stärksten spürbar wird, in etwa zehn Jahren, wird der zur Zeit anklingende
politische Generationswechsel vollzogen sein. Die Generation Berlin hat hier ein Thema, vielleicht ihr Projekt, auf jeden Fall aber ihre Verantwortung.

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