Die Geschichte gewinnt immer



Am Tag nach der historischen Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, schaute der ganze Kontinent auf die deutsche Kanzlerin. Die Öffentlichkeit erwartete von Europas First Lady wenigstens einige inspirierende Worte, um die geknickten Gemüter wieder glattzufalten.

Vor allem ein Teil ihrer Rede ist mir in Erinnerung geblieben. „Wir alle sehen, dass die Welt eine Welt in Unruhe ist“, sagte die Kanzlerin. „Auch in Europa spüren wir die Folgen von Unfreiheit, Krisen, Konflikten und Kriegen in unserer unmittelbaren Nähe.“ Diese beiden Sätze waren bemerkenswert – nicht wegen ihres Inhalts, sondern weil sie so unglaublich schlecht geschrieben waren.

Die unnötige Wiederholung von „Welt“ in Satz eins – okay, das kann man noch verzeihen. Aber „Unfreiheit, Krisen, Konflikte und Kriege“? Eine Krise und ein Konflikt sind eigentlich das gleiche. „Konflikt“ ist ein Hüllwort für „Krieg“. Mindestens eines der vier Wörter hätte man streichen können, dann wäre wenigstens eine der goldenen Regeln des Redeschreibens erfüllt gewesen, die rule of three.

Und trotzdem, die meisten Deutschen, mit denen ich anschließend darüber sprach, fanden die Rede toll: In so einer emotionalen Situation auf die Bremse zu treten, die Dynamik der Fliehkräfte zu entschleunigen, das sei wichtig gewesen. War das rhetorische Versagen vielleicht gar kein Schlendrian, sondern eine geniale Strategie?

An Merkels Brexit-Rede musste ich vor kurzem wieder denken, als ich in der Bild-Zeitung einen Artikel las, in dem mehrere Marketing-Experten um eine Erläuterung des „Phänomens“ Martin Schulz gebeten wurden. Einer der PR-Gurus sagte, der SPD-Kanzlerkandidat habe „den Charme eines Edeka-Filialleiters“ und profitiere ungemein von seinem merkwürdigen rheinischen Dialekt. Charisma durch Anti-Charisma sozusagen. Zum ersten Mal überlegte ich, ob es mit dem Ex-Bürgermeister von Würselen vielleicht doch klappen könnte.

Im Ausland hat man sich nach über einem Jahrzehnt Kanzlerinnenschaft inzwischen an Angela Merkels Stil gewöhnt – aber das inverse Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu -politischem Charisma erzeugt noch immer Stirnrunzeln. Martin Schulz: ein frischer Wind, ein bunter Populist, ein Energiemensch? War das nicht dieser mausgraue Bürokrat, den Berlusconi einmal mit einem KZ-Lagerchef verglichen hat?

Das Merkwürdigste an Deutschland ist: Hierzulande gilt das „nationale Moratorium auf Charisma“ sogar für Rechts-populisten wie Frauke Petry. Der amerikanische Journalist Thomas Meaney beschrieb die AfD-Chefin im New Yorker so: „Petry ist keine talentierte Rednerin. Ihre Ansprachen sind meistens langweilig, mit schnörkelhaften Satzstrukturen und technokratischen Diskussionspunkten, und sie fühlt sich wohler, wenn sie wirtschaftliche Studien zitiert, als wenn sie über das Leben gewöhnlicher Menschen debattiert.“

Die Gründe für diesen Sonderweg lassen sich leicht zusammenklauben, etwa bei Max Webers Anmerkungen zur „charismatischen Herrschaft“. Und Heinrich Heine klagte schon Anfang des 19. Jahrhunderts über die traditionelle deutsche Rhetorikskepsis. Interessanter ist die Überlegung, ob Deutschland mit der Umkehrung des Charismaprinzips derzeit die Avantgarde repräsentieren könnte.

In Großbritannien hielt man unter Tony Blair und David Cameron noch an der Gleichsetzung von Charme und Charisma fest. Die kurzzeitige Begeisterung für Labour-Chef Jeremy Corbyn schien diese Verbindung aber radikal zu trennen. Auch die Figur Donald Trump sprengt mit ihrer Sprachverschredderungstaktik herkömmliche Ideen davon, was Charisma ausmacht.

Wie lange Corbyn und Trump sich halten werden, müssen wir abwarten. Allerdings bestätigen beide, dass Charisma manchmal weniger in der Persönlichkeit eines Politikers zu finden ist als in den Erwartungen und Projektionen des Wahlvolks.

Peter Glotz formulierte diesen Gedanken am Beispiel von Willy Brandt einst so: „Der Brandt, der 1961 gegen Konrad Adenauer antrat, erzählte noch keine Geschichte; er war die Verkörperung einer Karriere. 1972 war das anders. Da trat eine Karriere (Barzel) gegen eine Geschichte (Brandt) an. Die Geschichte gewinnt immer.“

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