Brasilien - Das ewige Land der Zukunft?

Anderswo herrscht Aufbruch: Jahrzehntelang wurden die großen brasilianischen Fortschrittsträume immer wieder von ernüchternder Realität dementiert. Doch heute strotzt das Land geradezu vor Optimismus

Im Jahr 1939 veröffentlichte der von seinem Gastland euphorisierte Emigrant Stefan Zweig sein Buch Brasilien – ein Land der Zukunft. Seitdem hängt der Titel fast wie ein Fluch über dem Land. Denn bisher wurden alle Erwartungen auf ein take-off der aufstrebenden Großmacht des Südens durch eine frustrierende Gegenwart immer wieder dementiert. Und das, obwohl sich die hochstrebenden Träume in den sechziger und siebziger Jahren doch zu verwirklichen schienen: Mit der Einweihung der neuen Hauptstadt Brasília, einem Monument der hoffnungsvollen Moderne und des Entwicklungsoptimismus, trat Brasilien ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts in eine Phase großer Wachstumsraten. Diese hielten auch unter den Militärs an, die sich 1964 an die Macht geputscht hatten – und prompt ein brasilianisches Wirtschaftswunder verkündeten. Doch schon in den siebziger Jahren kam die große Ernüchterung: Schuldenkrise, eine stagnierende Wirtschaft und das Ende vom Traum einer raschen, nachholenden Entwicklung. „Brasilien ist das Land der Zukunft und wird es immer bleiben“ sagten viele Brasilianer seitdem über ihr Land.

Aber plötzlich sieht alles wieder ganz anders aus. Im Jahre 2010 strotzt das  Land geradezu vor Optimismus. Nach den verlorenen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts und einer Zeit der Hochinflation hat Brasilien 15 Jahre relativer Stabilität und stetigen Wirtschaftswachstums hinter sich. Das Land gilt – ebenso wie Russland, Indien und China – als zukünftige Supermacht. Es ist Mitglied in der G-20. Und die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise hat es beinahe unbeschadet überstanden. Nur wenige hatten diese positive Entwicklung vorhergesehen, als der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula 2003 das Amt des Präsidenten antrat. Dass es ausgerechnet ein Metallarbeiter und von den Eliten als Semi-Analphabet verleumdeter sozialistischer Politiker war, der dem Land neues Selbstvertrauen und einen prominenten Platz in der internationalen Politik verschaffte, ist ein kleines brasilianisches Wunder. „Endlich Weltmacht“ überschrieb die Financial Times Deutschland einen Artikel zur Bilanz der Regierungszeit Lulas. Auch nach fast achtjähriger Präsidentschaft erfreut er sich weiter großer Popularität und schaffte es, seine Landsleute von der Wahl seiner Wunschnachfolgerin Dilma Rousseff zu überzeugen.

Es ist keine rasante industrielle Entwicklung wie im Falle Chinas oder Indiens, die Brasilien in die neue Spitzenstellung treibt, sondern sein Reichtum an natürlichen Ressourcen. Zwar verfügt das Land über eine beachtliche nationale Industrie, aber der dynamische Faktor der vergangenen Jahre waren die Exporte von Agrargütern, Rohstoffen oder nur gering verarbeiteten Produkten. Brasilien ist zum größten Fleischexporteur der Welt aufgestiegen, belegt vorderste Plätze beim Verkauf von Soja, Zellulose, Eisenerz, Zucker und Ethanol. Hinzu kommt: Vor der Küste wurden riesige Ölvorkommen entdeckt, deren Ausbeutung Brasilien zu einem der größten Erdölexporteure der Welt machen würde.

Lula und Brasiliens „fast magischer“ Moment

Doch erst ein anderer Aspekt macht die besondere Position Brasiliens im 21.Jahrhundert aus: Wasserkraft ist die wichtigste Energiequelle des Landes, und die Abhängigkeit von Öl wird durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe zunehmend vermindert. Mit einem Anteil von 71 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung steht Brasilien bereits da, wo viele Länder mittels schmerzvoller Maßnahmen noch hin wollen. Die Klima- und Ressourcenkrise, die der Welt schon jetzt so zu schaffen macht, könnte für das Land eine Riesenchance sein. Brasilien verfügt über viel Land, große Wassermengen und diverse kohlendioxidarme Energiequellen – eine Traumposition für das 21. Jahrhundert, vor allem auch im Vergleich mit China und Indien. Bisher trübten nur die Rauchschwaden des Amazonaswaldes das Bild. Das fortschreitende Abbrennen des größten Regenwaldes der Welt katapultierte das Land mit der sauberen Energiebilanz in eine Spitzenposition der Kohlendioxid-Emittenten. Doch selbst bei diesem Problem kann die Regierung Lula Erfolge vorweisen: Seit drei Jahren geht die Entwaldung kontinuierlich und deutlich zurück.

Lula spricht von einem „fast magischen“ Moment für Brasilien. Seine Zukunftsvision: Brasilien prosperiert als Ressourcen- und Agrargroßmacht, gestützt auf kohlendioxidarmen Energiequellen. Das wichtigste Ziel lautet Wirtschaftswachstum, um Armut und Ungleichheit zu überwinden. „2020 wird Brasilien die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein“, so Lula in der Financial Times. „Wir werden auch in der Bildung ein entwickeltes Land sein.“ Es geht also darum, auf allen Ebenen zu den entwickelten Ländern aufzuschließen – mehr Autos, mehr Atomkraftwerke, mehr U-Boote und mehr Shoppingcenter. Wer nachholen will, zweifelt das zu Erreichende wenig an. In einem Land, das nach wie vor von Armut und großen sozialen Ungleichheiten geprägt ist, kann das keine Überraschung sein. Aber welch ein langer Weg beispielsweise in der Bildungspolitik noch zurückzulegen ist, zeigen die Ergebnisse der Pisa-Studien: Der Abstand Brasiliens zu den OECD-Ländern ist nach wie vor riesengroß.

Schon werden Stimmen laut, die vor übertriebenem Optimismus und Triumphalismus warnen: Das lang anhaltende Hoch der Rohstoffpreise mag Brasilien derzeit einen optimalen Moment bescheren, aber wie stabil ist das brasilianische Wirtschaftsmodell auf Dauer? Die Handelsbilanz mit China gleicht einem Dokument aus der Kolonialzeit: Brasilien exportiert Agrargüter und Eisenerz – und importiert Industrieprodukte. Kritiker befürchten, Brasilien könnte sich mit der „holländischen Krankheit“ infizieren. In den Niederlanden der sechziger Jahren führten hohe Erdgasexporte zu einer vorübergehenden Prosperität, bis die exzessiven Exporte eine Aufwertung der Währung und damit den Niedergang der heimischen Industrie verursachten. Brasiliens Vorteil besteht darin, viele unterschiedliche Güter zu exportieren und nicht von einem einzigen Produkt abhängig zu sein. Ebenso ambivalent ist Brasiliens Zukunftsstrategie aus ökologischer Sicht: Der Ausbau der Wasserkraft erfordert neue Großstaudämme im Amazonasgebiet, weil in anderen Regionen das Potenzial der Flüsse weitgehend erschöpft ist. So plant die Regierung derzeit den Bau des drittgrößten Wasserkraftwerkes der Welt am Xingu-Fluss, mitten im amazonensischen Regenwald. Ein Megaprojekt, das Umweltschützer und indigene Gruppen scharf kritisieren. Auch der Ausbau der Produktion von Agrotreibstoffen ist nicht umsonst zu haben: Immer größer werden die Zuckerrohr-Monokulturen im Lande und verdrängen die Viehwirtschaft Richtung Norden – in den Regenwald. 

Doch davon unbenommen glauben auch viele Brasilianer an den magischen Moment, den Lula beschwört. Sie fühlen sich nicht zuletzt dadurch bestätigt, dass neben der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 nun auch die Olympiade 2016 in Brasilien stattfinden wird. Endlich scheint die lang versprochene Zukunft zu beginnen. «


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