Alte Zöpfe, neuer Kontrakt

Die Gewerkschaften gelten als Getriebene des sozialen und ökonomischen Wandels. Wie sie wieder mehr aktive Gestaltungsmacht gewinnen könnten, bleibt ihr ungelöstes Problem. Hier erläutert der neue DGB-Vorsitzende seine Strategie

Globalisierung und Digitalisierung haben die Welt grundlegend verändert, die Transformation unserer Industriegesellschaft zu einer Informations- und Wissensgesellschaft ist bereits weit fortgeschritten. Dieser Wandel hat in den Unternehmen begonnen, für die dort arbeitenden Menschen ist er erfahrbarer Alltag geworden: Strukturen und Arbeitsprozesse verändern sich. Die Arbeitswelt ist gekennzeichnet von Flexibilisierung und Innovation. Wer diese Entwicklung als Unternehmen nicht mitmacht, verpasst den Anschluss. Unternehmen müssen diese Herausforderung als Chance begreifen.


Der Wandel zur Informations- und Wissensgesellschaft führt auch für Arbeitnehmer zu neuen Herausforderungen - also auch für die Gewerkschaften. Alte Strukturen bestehen nicht mehr. Innovation und Modernisierung, sonst die Schlagwörter der Wirtschaft, sind nun ebenfalls bei den Gewerkschaften gefragt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund stellt sich den neuen Herausforderungen. Er will an der Spitze der Gewerkschaftsbewegung die Zukunft gestalten. Doch wie sieht diese Zukunft für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus? Was können wir tun, um einerseits Modernisierung und Innovation zu fördern, andererseits aber Sicherheit und Planbarkeit für die Beschäftigten zu garantieren?


Sicher ist, dass sich Globalisierung und Flexibilisierung deutlich in unserem Leben niederschlagen. Unser Alltag ist heute von ökonomischen Zwängen geprägt. Die Wirtschaft hat der Politik den Rang abgelaufen. Die politische Analyse ist wirtschaftlicher Anforderung gewichen. Dieser Wandel ist motiviert von einseitigen Interessen der Unternehmen. Ihr Wohl soll das Gemeinwohl sichern. Das Gemeinwohl leitet sich heute aus ökonomischen Zwängen ab. Die Gesetze der neoliberalen haben die Gesetze der sozialen Marktwirtschaft geschlagen.
Wie also sollen wir als Gewerkschaften darauf reagieren, dass sich der soziale Konsens in der Bundesrepublik verschoben hat, der ein starkes wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand für alle ermöglichte? Wie können wir Solidarität auf der gesell- schaftlichen Werteskala wieder an die Stelle des Ellenbogens setzen? Und wo sind die Bündnispartner, mit denen gemeinsam wir diese Ziele konkretisieren und umsetzen können?


Um diese Fragen beantworten zu können, sollen zunächst einmal die Herausforderungen näher betrachtet werden, mit denen sich die Gewerkschaften konfrontiert sehen.

Welcher Weg führt aus der Arbeitslosigkeit?

Vom Ziel der Vollbeschäftigung sind wir weit entfernt. Die anhaltende Arbeitslosigkeit ist eine Bedrohung für die gesamte Gesellschaft, besonders für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Aber immer öfter wird die These vertreten: Wer keine Arbeit findet, ist selber Schuld. Der Druck, der dadurch auf die arbeitende Bevölkerung ausgeübt wird, ist immens. Die Unsicherheit auf Seiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steigt - übrigens auch, weil die Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft ganz andere Ansprüche an Beschäftigte stellt. Es werden immer mehr Flexibilität und Eigenverantwortung erwartet.


Nun sind neue Ansätze in Sicht, mit denen das Problem der Massenarbeitslosigkeit angegangen werden soll. Der DGB und die Gewerkschaften unterstützen konstruktive Vorschläge, die zu mehr Bewegung auf dem Arbeitsmarkt und zu besserer Vermittlung arbeitsloser Menschen führen. Wenn unkonventionelle Maßnahmen Erfolg versprechen und dafür alte Zöpfe abgeschnitten werden müssen, dann sind die Gewerkschaften dazu bereit.

Traditionen, die nicht mehr weiterhelfen

Chancengleichheit im Bildungswesen rückt in immer weitere Ferne. Die PISA-Studie hat deutlich gemacht, wie negativ sich Armut und soziale Benachteiliung auf die Bildungschancen auswirken. Ohne die notwendige Bildung ist es jungen Menschen fast unmöglich, mit der Geschwindigkeit der technischen wie gesellschaftlichen Veränderungen mitzuhalten. Informations- und Wissensanforderungen explodieren. Fachwissen hat immer kürzere Halbwertzeiten. Lebensbegleitendes Lernen ist gefragt. Tatsächlich aber wächst die Zahl junger Menschen ohne Bildungsabschluss. Und wer schon in jungen Jahren den Anschluss verliert, läuft erst recht Gefahr, bis zur Rente nicht mehr mithalten zu können. Unser Bildungssystem fußt auf Traditionen, die heute nicht mehr weiterhelfen. Es fehlen Fördersysteme für Schwache wie für Starke gleichermaßen. Ein Land wie Deutschland, das von der Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen lebt, riskiert seine Zukunftsfähigkeit, wenn Ausbildung und Qualifizierung kein besonderer Stellenwert beigemessen wird. Die Frage ist, wie soziale Gerechtigkeit hergestellt werden kann, ohne dass dabei der Motor der Modernisierung gebremst wird. Der DGB will neue Lernmodelle etablieren und damit Mitgestalter der gesellschaftlichen Zukunft bleiben.


Frauen haben es unverändert schwerer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Und noch immer verdienen Frauen in gleichwertigen Positionen weniger als ihre männlichen Kollegen. In Führungspositionen kommen nur wenige. Hinzu tritt die Doppelbelastung: Familie und Beruf zu vereinbaren ist leider noch immer hauptsächlich ein Problem von Frauen. Für junge Frauen, die oft sehr gut ausgebildet sind, wird die Frage Familie oder Job häufig zur Zerreißprobe. Flexible Teilzeitmodelle gibt es zu wenig, Ganztagsbetreuungsplätze für Kinder sind rar. Zu viele Frauen entscheiden sich gegen den Job, weil sie keine realistische Möglichkeit sehen, Familie und Beruf zu kombinieren. Diese Situation ist für Frauen extrem unbefriedigend. Vor allem sie fordern moderne, flexible Arbeits- und Teilzeitmodelle. Doch nicht nur Frauen können davon profitieren. Auch viele Männer möchten mehr Zeit für ihre Familie und würden sich gerne verstärkt an der Kinderbetreuung beteiligen. Auch sie wollen mehr Flexibilität.


Eine Wissensgesellschaft braucht die Qualifikation gut ausgebildeter Frauen. Und auch mit Blick auf die insgesamt sinkende Zahl der Erwerbstätigen in den kommenden Jahren ist es ohnehin kontraproduktiv, Frauen aus dem Arbeitsmarkt herauszudrängen. Auch die Gewerkschaften müssen hier umdenken. Bestand ihre Zielgruppe früher im Wesentlichen aus männlichen Arbeitnehmern, so wird es für sie in Zukunft immer wichtiger, Frauen anzusprechen. Das bringt die Chance, die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern besser zu verteilen und Gleichstellung voranzutreiben. So kann es gelingen, eine Win-Win-Situation für Frauen und Männer zu schaffen.

Die Gewerkschaften müssen präsenter werden

Selbst in Deutschland, einer der reichsten Industrienationen der Welt ist die Spaltung in Arm und Reich allgegenwärtig. Laut dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht einer Bundesregierung aus dem Jahr 2000 verfügt ein unverändert kleiner Teil der Bevölkerung über einen immer größeren Anteil des gesellschaftlichen Reichtums. Alleinerziehende und kinderreiche Familien zählen zu den besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen. Das Gefälle zwischen Ost und West ist immer noch riesig. Das gilt nicht nur für Vermögen, sondern auch für den Arbeitsmarkt und die wirtschaftlichen Perspektiven insgesamt. Viele junge Menschen wandern aus dem Osten ab, weil die Zukunftschancen hier nach wie vor schlechter sind als in den alten Ländern. Die Landschaften blühen nicht wie versprochen, und die Gefahr ist real, dass die neuen Länder zum Mezzogiorno der Bundesrepublik werden. Kann der Staat überhaupt noch dazu beitragen, diese Kluft zu überwinden?


Hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungschancen, mangelnde Gleichstellung und soziale Benachteiligung - all diese Phänomene zeigen, dass politische Gestaltungskraft und konkrete Lösungen gefragt sind. Flexible Modelle in einer gesicherten sozialen Matrix sind eine zeitgemäße Antwort auf die neuen gesellschaftlichen Tendenzen.
Jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt und es ist die Aufgabe der Gewerkschaft, der Gesellschaft angesichts der Zumutungen der Modernisierung wieder mehr Halt zu geben. Diese Zumutungen dürfen nicht nur den sozial Schwachen aufgebürdet werden. So verstehen wir Gerechtigkeit. Modernisierung ohne sozialen Ausgleich ist nicht fortschrittlich, sondern ungerecht.


Viele Menschen stehen vor neuen Aufgaben und neuen Fragen. Um so mehr sind die Gewerkschaften gefordert, hierfür Antworten und Hilfestellungen zu finden. Mit den wachsenden Anforderungen an die Beschäftigten steigen auch die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit und das Leistungsangebot der Gewerkschaften und des DGB. Er muss beides an die veränderten Bedürfnisse der Arbeitnehmer anpassen.


Daneben sind und bleiben die Gewerkschaften Dialog- und Kommunikationspartner von Politik und Wirtschaft. Dafür sind allerdings neue Kommunikationsformen gefragt. Der DGB will sich lauter in Debatten einmischen, wir müssen präsenter werden. Kompetenz und Glaubwürdigkeit sind für den Erfolg und die Attraktivität des DGB sowie seiner Mitgliedsgewerkschaften von entscheidender Bedeutung.


Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden und zu garantieren, dass in der "neuen Welt" soziale Gerechtigkeit und Gemeinsinn weiterhin fortbestehen, schlägt der DGB einen neuen Sozialkontrakt vor. Dieser steht für die sozial gerechte Modernisierung Deutschlands auf dem weiteren Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft, aber auch für die Erneuerung des sozialen Konsenses in unserer Gesellschaft.


Der Sozialkontrakt ist eine Modernisierungsstrategie. Kernidee ist die sozial gerechte Modernisierung unserer Gesellschaft. Wir möchten damit die bestehenden gesellschaftlichen Missstände thematisieren, aber mehr noch konkrete Vorschläge zu deren Überwindung unterbreiten. Es geht nicht um ein Bündnis für alle, auch nicht um ein Vertragsdokument, das irgendwann unterschrieben werden müsste. Wir verstehen den Sozialkontrakt vielmehr als ein thematisches Dach für konkrete politische Projekte - als Modernisierung in einem vielschrittigen Prozess.


Wir wissen, dass die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft für unser Land auch neue Chancen bringen. Wir wollen diese Chancen nutzen. Und wir wollen die Bundesrepublik im globalen Wettbewerb als soziale Demokratie konkurrenzfähig erhalten. Deswegen verstehen wir den Sozialkontrakt auch als ein Kommunikationsangebot, als eine Plattform, auf der ein neuer sozialer Dialog stattfinden kann und soll. Dabei tragen wir Gewerkschaften unsere Sicht, unsere Perspektive bei - und laden gleichzeitig alle ein, die denselben Werten und sozialen Leitbildern zum Durchbruch verhelfen wollen, sich an dem Diskussionsprozess zu beteiligen. In unseren Leitlinien für eine sozial gerechte Modernisierung steht der Mensch im Mittelpunkt.


Die Arbeitswelt verändert sich. Konjunkturzyklen verlaufen schneller, Unternehmen müssen darauf kurzfristig reagieren. Das hat Auswirkungen auf die Arbeit und jeden einzelnen Beteiligten. Die Anforderungen der Wissensgesellschaft an die Arbeitnehmer - mehr Flexibilität, mehr Mobilität, mehr Qualifikation - haben neue Arbeitsmodelle notwendig gemacht: flexible Arbeitsmodelle, Teilzeit, Telearbeit, Jobsharing, Sabbaticals sind alltägliche Wirklichkeit. Geprägt von flachen Hierarchien, von Gruppenarbeit, von Eigenverantwortung und auch Selbstbestimmung wenden viele Unternehmen sie seit langem an.


Diese neue Rahmenbedingungen verlangen auch eine neue Definition des Begriffs der Arbeit. Natürlich steht für die Gewerkschaften weiterhin die Erwerbstätigkeit im Mittelpunkt. Doch bürgerschaftliches Engagement und Familienarbeit gewinnen an Bedeutung und an Wertschätzung.


Als Leitmotiv der so von uns definierten "Arbeit" schlagen wir den Begriff "gute Arbeit" vor. Gut im Sinne von human und sicher, gut aber auch im Sinne von erfüllend, selbstbestimmt, produktiv, innovativ und flexibel. Und vor allem enthält für uns gute Arbeit festgelegte Ruhepausen und ein klar definiertes Ende.


Im Rahmen des Sozialkontraktes wollen wir unter dem Begriff "gute Arbeit" auch das Tarifsystem weiterentwickeln. Der Sozialkontrakt wäre dann ein Dach über dem, was bereits durch Tarifverträge abgesichert ist. Zentraler Gedanke ist hierbei, dass allein sichere und auch gut bezahlte Arbeitsplätze produktive Arbeitsplätze sind. Wir lehnen den Ausbau des Niedriglohnsektors ab und werden einen Vorschlag für einen Mindestlohn erarbeiten. Wir wollen eine moderne Tarifpolitik, die Flexibilität und Sicherheit verbindet. Um das zu erreichen, wollen wir tarifpolitische Initiativen mit gesetzlichen Regelungen verzahnen, Bundesgesetze mit Ländergesetzen, Betriebsvereinbarungen mit Initiativen in der Europäischen Union. Denn eine grenzüberschreitende Tarifpolitik wird durch das weitere Zusammenwachsen Europas immer wichtiger.


Zu "guter Arbeit" gehören für uns auch neue Formen der Mitbestimmung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie sollen Arbeitsplatzbedingungen nicht einfach nur hinnehmen, sondern sie mit gestalten und an Entscheidungen teilhaben. Das steigert die Motivation und Zufriedenheit der Arbeitnehmer. In diesem Themenfeld sehen wir ein großes Innovationspotential, das der DGB strategisch mit gestalten wird. Für die Verwirklichung all dessen schlagen wir allen beteiligten Akteuren die Entwicklung einer neuen Arbeitsverfassung vor.

Ohne Bildung keine Chancen

Das Recht auf Bildung ist einer der Grundwerte der deutschen Gesellschaft - und zugleich ein wesentlicher Punkt unseres Sozialkontrakts. Wir fordern mehr Engagement des Staates für Bildung, konkret: die Verdopplung der Bildungsausgaben auf einen Anteil von sieben Prozent des Bruttosozialproduktes. Und wir erwarten auch die schnelle Überwindung der bildungspolitischen Kleinstaaterei sowie umgekehrt die transparente Vereinbarung von Lerninhalten und Lehrformen.


Arbeitsmärkte verlangen zusehends nach Flexibilität, vor allem auch hinsichtlich des Wissens der Arbeitnehmer. Die klassische Karriere in einem Beruf bis zur Pensionierung gibt es immer seltener. Das kann eine große Chance für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sein - allerdings nur, wenn sie sich darauf vorbereiten können.


Moderne Gesellschaftsstrukturen bedürfen deshalb einer Bildungspolitik, die sich nicht allein auf den "traditionellen" (Peter Weiss) Blickwinkel verlässt. Ganz entscheidend ist dabei, dass jeder die gleichen Chancen auf Bildung hat, egal ob arm oder reich, ob jung oder alt, ob Frau oder Mann. Ohne zeitgemäße Bildung finden junge Leute nur schwer den Einstieg ins Berufsleben, ältere Arbeitnehmer werden den wachsenden Ansprüchen nicht gerecht, und Arbeitlosen bleibt der Wiedereinstieg verwehrt. Vor allem um junge Menschen ohne Ausbildung müssen wir uns mehr kümmern. Sie brauchen eine Qualifikation, die sich am Arbeitskräftebedarf der Unternehmen orientiert. Das können Ausbildungszeitwertpapiere und erste Berufserfahrungen durch Zeitarbeit für jene erleichtern, die keine Ausbildung abgeschlossen haben.

Warum Bildung nie aufhören darf

Das Konzept des lebensbegleitenden Lernens unter Nutzung des dualen Systems darf kein Schlagwort bleiben. Wir verstehen Bildung als einen kontinuierlichen Prozess. Junge Menschen erwerben ein Grundwissen, das flexibel erweiterbar ist, je nach den Anforderungen der beruflichen Lebensphase und entsprechend der Branche, in der sie tätig sind. Denkbar ist für bestimmte Berufsfelder eine kürzere Erstausbildung, als sie heute vorgesehen ist. Unumstößlich ist im weiteren dann ein Rechtsanspruch auf die selbstbestimmte Verwendung der eingesparten Zeit für "Bildungsphasen" im späteren Erwerbsleben. Schließlich gehört das Recht auf Weiterbildung zu "guter Arbeit". Deswegen setzen wir uns dafür ein, das Recht auf Weiterbildung sowohl auf Bundes- wie auch auf Landesebene zu verankern.


Gleichstellung im Sinne des Sozialkontrakts bedeutet für uns mehr als den Ausbau von flexiblen Arbeitsmodellen. Gender mainstreaming muss eine Selbstverständlichkeit in allen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden. Es geht um nichts weniger als um eine Kulturrevolution, wenn wir die Männer von ihrer Rolle als lebenslange Familienernährer befreien - und die Frauen aus ihrer Alleinverantwortung für die Kindererziehung. Was in anderen europäischen Ländern längst Alltag ist, wollen wir auch in Deutschland endlich zur Normalität machen. Wir fordern deshalb ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, denn unverbindliche Selbstverpflichtungen haben uns - und dabei vor allem die Frauen - nicht weitergebracht. Sie müssen endlich gleiche Chancen bekommen, besonders wo es darum geht, Führungspositionen zu übernehmen.

Der Sozialkontrakt als europäische Initiative

Ein wesentliches Kennzeichen der neuen Informations- und Wissensgesellschaft ist die Globalisierung. Die Welt ist zum globalen Dorf vernetzt. Die Wirtschaft agiert schon seit vielen Jahren auf internationalen Märkten. Parallel dazu hat sich auch die Gewerkschaftsarbeit von einer nationalen zu einer länderübergreifenden Aufgabe verändert. Allerdings ist dieses Bewusstsein in vielen Gewerkschaften noch nicht genug verankert. Angesichts der politischen Veränderungen und mit Blick auf die EU-Osterweiterung werden es sich die Gewerkschaften nicht erlauben können, weiterhin nur national tätig zu sein. Arbeitnehmer arbeiten oftmals in großen, internationalen Konzernen. Entsprechend haben sich die Anforderungen verändert - nationale Lösungen der Gewerkschaften reichen da nicht mehr aus.


Wir verstehen den Sozialkontrakt und die Idee der sozialgerechten Modernisierung auch als eine europäische Initiative. Wir können mit den Veränderungen nur Schritt halten, wenn wir Europa im Blick haben. Deswegen werden wir uns mehr in die europäische Politik einmischen. Angesichts der Arbeit des Konventes, der Europa eine Verfassung geben soll, erklären wir, dass diese Verfassung auf dem europäischen Sozialmodell gründen muss. Wenn wir unseren Mitgliedern moderne und zeitgenössische Lösungen für die Gegenwartsprobleme anbieten wollen, dann steht die sozial gerechte Gestaltung Europas und der Globalisierung dabei obenan.


Denn wir sind davon überzeugt, dass wir in einer enger zusammenrückenden Welt mehr Gerechtigkeit im Sinne gleicher Lebenschancen schaffen können. Soziale Mindeststandards müssen weltweit bindendes Recht werden. Elementare Menschen- und Bürgerrechte müssen universell gelten, Kinderarbeit gehört verboten, und in allen internationalen Handelsabkommen muss das Recht auf freie und unabhängige Arbeit von Gewerkschaften ein fester Bestandteil sein. Wir setzen uns für die Demokratisierung der internationalen Finanzorganisationen und für den Global Compact ein, der eine Selbstverpflichtung von Unternehmen zu sozialem und ökologischem Handeln enthält. Unser Ziel ist es, neben dem Weltsicherheitsrat einen Weltsozialrat zu etablieren, der soziale Gerechtigkeit nicht nur wahren, sondern durchsetzen soll. Der DGB sieht sich in diesem Themenfeld als Vordenker und Meinungsbildner. Deswegen ist das Thema der internationalen Einbettung eine der Säulen unseres Sozialkontraktes.


Wir wissen, dass unser Sozialstaat reformiert werden muss. Wir sehen gerade dann Chancen, zu Reformen zu kommen, wenn wir einen neuen sozialen Konsens erzielen. Ein modernes Sozialsystem muss Brücken bauen: zwischen den unterschiedlichen Lebensphasen, zu Phasen der Bildung und Weiterbildung, zur Vielfalt der Familien- und Erziehungsarbeit, zu Sabbaticals und zu freiwilligem gesellschaftlichem Engagement. Solche Brückenphasen müssen finanziell abgesichert sein. Menschen müssen sich solche "Auszeiten" für lebensbegleitendes Lernen, für Erziehung und ehrenamtliche Arbeit tatsächlich leisten können und wollen, damit eine neue Kultur von Freiheit, Individualität und Mobilität überhaupt auf tragfähige Grundlagen gestellt werden kann. Lücken in der Erwerbsbiographie dürfen nicht zu Verarmung und sozialem Absturz führen. Ich sehe kein anderes Konzept, dieses Ziel zu bewerkstelligen, als das einer sozialen Grundsicherung, die Menschen in den häufiger werdenden Zwischenphasen des Erwerbslebens ein Leben in Würde und materieller Sicherheit ermöglicht.


Zudem müssen wir eine funktionierende öffentliche Daseinsvorsorge sichern. Auch das setzt Umdenken und mehr Flexibilität voraus. Niemand bestreitet den erheblichen Reformbedarf im öffentlichen Dienst. Auch hier bedeutet jedoch Reform nicht Leistungsabbau um jeden Preis, sondern die Suche nach intelligenten und effizienten Wegen der Modernisierung.

Das Sozialsystem wird nicht bleiben, wie es ist

Ebenfalls würde niemand bestreiten, dass es in der Bundesrepublik mehr als genug Geld und Wohlstand gibt. Woran es mangelt, ist ein Bewusstsein der Solidarität und der Gerechtigkeit. Derzeit tragen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die größten Steuerlasten, während zugleich ungeniert Steuern hinterzogen und große Kapitalmengen ins Ausland verschoben werden. In Zukunft ist eine bessere Verteilung notwendig, damit der Staat und besonders die Kommunen wieder handlungsfähiger werden.


In Anbetracht der Bevölkerungsentwicklung ist die Finanzierung das entscheidende Kriterium, das darüber entscheidet, welche Projekte und Modelle machbar sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass unser Sozialsystem in Zukunft nicht mehr im gleichen Maße erhalten werden kann. Damit die Modernisierung aber so sozial gerecht gestaltet werden kann, wie es nötig ist, müssen Steuerschlupflöcher geschlossen und die Einnahmen des Staates wieder erhöht werden. Der DGB wird sich deswegen an der Finanzierungsdebatte beteiligen.
Solidarität und Gerechtigkeit sind in unserer Gesellschaft heute aktueller denn je. Sie sind gefragt, wenn es darum geht, veränderte Lebensentwürfe abzusichern. Ein System sozialer Sicherheit mit einer Mischung aus Mindeststandards und Flexibilität zu schaffen, das auch Brüche in der Erwerbsbiographie berücksichtigt und damit mehr Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben gibt - dafür lohnt sich jeder gewerkschaftliche Einsatz.

Der Sozialkontrakt als Dach und Basis

In diesem Sinne verstehen wir unseren neuen Sozialkontrakt. Er soll einen sozial gerechten Rahmen setzen und den Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken. Wir verstehen ihn aber auch als aktives Gestaltungselement einer strategischen Modernisierung hin zur Informations- und Wissensgesellschaft, an der wir als DGB mitwirken werden.
Es wird ständig neue Projekte und Anforderungen geben, die wir unter seinem Dach bearbeiten werden. Die Idee eines neuen Sozialkontraktes geht jedoch zugleich weit über diese konkreten Ansätze hinaus. Er gibt die Richtung vor, er ist die Basis, auf der wir arbeiten. Und er ist unser Angebot an alle Akteure der Zivilgesellschaft, denn wir wollen die Arbeit am Sozialkontrakt nicht auf bestimmte Gruppen beschränken.


Die Modernisierung der Gesellschaft ist notwendig, aber gelingen kann sie nur als vielschrittiger Prozess. Deswegen wird der neue Sozialkontrakt auch nicht zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft "erfüllt" sein. Die ständige Modernisierung ist nur im Konsens zu erreichen.

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