Wehner einfach

Mal wieder ein neues Buch über den Großen Fraktionsvorsitzenden. Doch auf den ebenso großen Wurf warten wir weiter

Eine der faszinierendsten Aufgaben biografischer Forschung zur deutschen Nachkriegszeit besteht gewiss darin, die Wandlungen und Brüche im Leben von Herbert Wehner verstehen zu helfen. So gibt es bereits eine stattliche Anzahl Arbeiten über sein außergewöhnliches Leben. Zu ihnen gesellt sich nun die Habilitationsschrift von August Leugers-Scherzberg. In seiner Teilbiografie behandelt der Essener Historiker die Zeit zwischen Wehners Aufenthalt in Schweden und seinem Eintritt in das Bonner Kabinett. Sein wesentliches Ziel in diesem Buch sei, so Leugers-Scherzberg, das "Rätsel Wehner" zu lösen. Zu diesem Zweck will er erklären, "wie aus dem Kommunisten Wehner der Sozialdemokrat wurde". Auf Leugers-Scherzbergs Erkenntnisse durfte man gespannt sein, schließlich hatte der Autor als erster Wissenschaftler uneingeschränkten Zugang zu Wehners Nachlass.

Seltsam abstrakt und ohne Fundament

Leugers-Scherzberg gliedert sein Buch in zwei großen Teile: "Vom Kommunisten zum Sozialdemokraten" und "Von der Parteibühne zur Staatsbühne". Abgesehen von einigen allgemeinen Bemerkungen zu Wehners Leben, bevor er im Auftrag der Komintern nach Schweden zog, um dort den Wiederaufbau der KPD in Hitlers Deutschland vorzubereiten, beschränkt sich der Autor für die Zeit vor 1945 weitgehend auf die Darstellung des ideologischen Hintergrundes von Herbert Wehner. Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht dann Wehners Einsatz für die Wiedervereinigung Deutschlands.


Es sind wohl nicht nur die hoch gesteckten Erwartungen, die beim Leser schon bald die Enttäuschung wachsen lassen. Seltsam abstrakt und gleichsam ohne Fundament erscheinen Beschreibung und Analyse des Lebens von Herbert Wehner geraten. Der Autor beginnt zwar mit einem kurzen Abriss von Wehners Lebensgeschichte bis 1945. Er gibt dem Leser darin jedoch keineswegs das nötige Rüstzeug mit auf den Weg, um den weiteren Fortgang der Ereignisse zu verstehen. Die einschneidenden, tief prägenden Erfahrungen Wehners in Moskau - die ständige Bedrohung durch die stalinistischen Säuberungen, der Schock des Hitler-Stalin-Paktes, die persönliche Beziehung zu Menschen wie Walter Ulbricht - werden kaum erwähnt. Aber auch schon Wehners politische Sozialisation in der Weimarer Republik wird dem Leser nicht einleuchtend beschrieben. Dieses wesentliche Problem zieht sich durch die gesamte Darstellung. So erfährt man auch nur wenig über die Kommunistische Partei Deutschlands, die Komintern und später die SPD, Wehners - eben nicht nur politische - Heimaten. Überhaupt, die politischen und gesellschaftlichen Räume, in denen Wehner lebte, und die sein Handeln und selbstverständlich auch seine Wandlungen bestimmt haben, werden nach dieser Beschreibung nur für den umfassend vorgebildeten Leser vorstellbar. Der Autor kommt über die Darstellung der theoretischen Überlegungen Wehners kaum hinaus und lässt sein tatsächliches Leben weitgehend im Dunkeln.


Diese Schwierigkeiten haben wohl zweierlei Ursachen. Einerseits ergeben sie sich aus der von August Leugers-Scherzberg gewählten Darstellungsweise. Den weitaus größten Teil seiner Arbeit machen direkte oder indirekte Zitate der Reden und theoretischen Schriften Herbert Wehners aus. Mit ergänzenden Informationen geht der Autor ausgesprochen sparsam um. Zudem lässt er Meinungen von Zeitgenossen und Wissenschaftlern, die der Darstellung Wehners widersprechen, kaum zu Wort kommen. Auch Wehners eigene Analysen unterzieht der Autor keiner Quellenkritik.


Andererseits ergibt sich bereits aus der Darstellungsform der Teilbiografie allgemein häufig die Tendenz, das Verhalten der Person aus der aktuellen Situation heraus zu erklären und grundlegende Prägungen und längerfristige Beziehungen zu unterschätzen. So eben auch bei Leugers-Scherzberg. Deshalb bleibt die Darstellung des Menschen Herbert Wehner und seines Umfeldes geradezu zwangsläufig eindimensional. Zudem macht die dauernde Anein-anderreihung von Zitaten den Text sperrig zu lesen und unnötig kompliziert.

Blieb Wehner immer, wie er war?

Ein weiteres schweres Problem in der Vorgehensweise des Autors besteht in den Annahmen, die seiner Untersuchung zugrunde liegen. Leugers-Scherzberg geht von zwei Grundthesen aus: Zum einen legt er dar, dass Wehners Verständnis vom Kommunismus nicht materiell begründet gewesen sei, sich also nicht in erster Linie auf ökonomische Prozesse bezogen habe. Vielmehr habe Wehner "das treibende Element der Geschichte" im Streben nach "gleichem Recht für alle" gesehen. Diese Grundorientierung habe sich durch Wehners gesamtes politisches Leben gezogen. Dementsprechend führt der Autor die Wandlung Wehners vom Kommunisten zum Sozialdemokraten nicht auf eine prinzipielle Wandlung in Wehners politischer Wahrnehmung und Deutung zurück. Vielmehr habe sich Wehner ganz einfach jeweils derjenigen politischen Gruppierung angeschlossen, die sein Politikverständnis gerade am besten repräsentierte.


Angesichts dieses Ganges der Argumentation muss man sich allerdings fragen, warum Leugers-Scherzberg seinem Buch überhaupt den Titel Die Wandlungen des Herbert Wehner gegeben hat, wenn er doch nachzuweisen meint, dass es gewissermaßen gar nicht Wehner war, der sich gewandelt habe, dass vielmehr Wehners politisches Umfeld diesen zur Umorientierung zwang. Gleichzeitig ist zu überlegen, welchen Erklärungswert Wehners angebliches Verständnis des Kommunismus überhaupt haben kann. Besonders gilt das, da der Autor sich über den gesamten Gang der Untersuchung an diese These klammert und alle weiteren möglichen Erklärungsansätze ignoriert. Leugers-Scherzbergs Wehner ist zu einfach geraten, um wahr sein zu können.

Rückfall in konservatives Ressentiment?

Ebenso verfährt der Autor mit seiner zweiten Grundannahme. Wehners leitendes Konzept von politischer Arbeit sei die leninistische Spielart politischer Strategie gewesen. Die Suche nach Bestätigung für diese These zwingt den Autor mitunter zu - mindestens - anfechtbaren Interpretationen. Einen Beweis für seine Annahme sieht der Autor beispielsweise in Wehners Idee, nach dem Krieg eine Volkshochschule zu gründen und eine Zeitung herauszugeben. In genau diesen beiden Bereichen hatte sich Wehner aber schon in seiner Jugend engagiert. Des weiteren ist wohl die Möglichkeit nicht ganz auszuschließen, dass ein langfristig planender politischer Mensch wie Wehner auch unabhängig von Lenins Theorien auf den Gedanken kommen konnte, politische Bildungsarbeit und theoretische Diskussionen für eine Partei sinnvoll zu finden.


Leugers-Scherzberg führt an verschiedensten Stellen weitere Beispiele an, die bei genauem Hinsehen keineswegs zwangsläufig als Bestätigung seiner These gewertet werden müssen. Gleichzeitig ist auch hier zu fragen, was der Autor mit der Unterstellung beabsichtigt, Wehner sei in seinem politischen Denken in Lenins Denken verhaftet geblieben. Dass Wehner von der frühen Lektüre der Schriften Lenins geprägt worden ist, ist angesichts seiner Biografie offensichtlich. Die übermäßige Betonung des angeblich kontinuierlichen Einflusses Lenins auf Wehners politisches Denken erscheint allerdings, besonders angesichts der mangelnden Belege, wie ein Rückfall in konservative Ressentiments der fünfziger und siebziger Jahre. So kann kaum sinnvoll zur Lösung des Rätsels Wehner beigetragen werden.


Weil sich Leugers-Scherzbergs ausschließlich auf seine beiden großen Thesen konzentriert, wirkt seine Arbeit insgesamt angestrengt und hat nur geringen allgemeinen Erklärungswert. Sie zwingt die komplexe Persönlichkeit Wehners in starr vorgegebene Deutungen, ohne die Möglichkeit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung seines politischen Denkens und seiner Strategie auch nur in Betracht zu ziehen.


Ein weiterer, inhaltlicher Kritikpunkt ergibt sich aus Leugers-Scherzbergs Beurteilung der Politik Wehners gegenüber der CDU. Der Autor stellt fest, "Wehners Zusammenspiel mit Unionsabgeordneten im Vorfeld der Großen Koalition" sei nichts anderes gewesen als eine "Zersetzungsstrategie". Diese Behauptung ist zwar nicht von vornherein abwegig. Der Autor kann jedoch in seiner detaillierten Schilderung der Vorbereitung der Großen Koalition keinen einzigen Beweis dafür beibringen, dass sie auch zutrifft. Bis zum Schluss wird deshalb nicht ersichtlich, woher Leugers-Scherzberg seine Erkenntnis eigentlich genommen hat. Wie schwierig es ist, Wehners politischem Leben und seiner Persönlichkeit gerecht zu werden - zumindest das macht die Lektüre dieses Buches wieder einmal sehr deutlich. Wir werden auf den nächsten Versuch warten müssen.

August Leugers-Scherzberg, Die Wandlungen des Herbert Wehner: Von der Volksfront zur Großen Koalition, Propyläen Verlag: Berlin 2002, 400 Seiten, 30 Euro

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