Verstricken sich die Sozialarbeiter in ihren eigenen Netzwerken?

Einige nestbeschmutzende Überzeichnungen

Das Irregehen und das Sich-Irreleitenlassen in der Sozialarbeit - und natürlich nicht nur dort - haben Tradition. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in der Biografie so manchen engagierten und überzeugten Sozialarbeiters sich oftmals unterschiedliche mehr oder weniger markante, zeitlich befristete Bewusstseinszustände finden lassen. Hochkonjunktur haben derzeit bugetierungsüberzeugte Verwaltungsreform-Eiferer und ISO 9000-geprägte Qualitätsentwicklungsgläubige, die meinen, jedes Problem mit genormten Standards lösen zu können. Eigentlich ist nie Pause beim ständigen Nachdenken um den richtigen Ansatz im Kampf gegen Not und Elend der Unterprivilegierten. Hartnäckig behaupten sich mit geradezu misssionarischem Eifer auch die Netzwerkaktivisten. Sie rufen unentwegt zu institutionalisierten Lösungsrunden auf: Vernetzung durch Stadtteilkonferenzen, durch Runde Tische im sozialen Brennpunkt, durch Kooperationsrunden im unmittelbaren Umfeld mit der Schule, der Polizei und der Drogenhilfe, durch Arbeitskreise vor Ort - selbstverständlich mit Betroffenenbeteiligung. Inzwischen ist der Funke übergesprungen auch auf andere kommunale Akteure. Kein europagestütztes URBAN-Projekt und keine berlingeförderte Soziale Stadt-Initiative kommt mehr ohne eigene Stadtteilkonferenzprozedur und Netzwerkstrategie aus ...

Wie zielorientiert und wie durchschlagend ist nun das Agieren der Netzwerkbewegten tatsächlich? Anhand einiger Erfahrungen mit der Stadtteilarbeit soll dieser Frage nachgegangen werden. Dabei sollen drei von Wolfgang Hinte formulierte Thesen1 zur Vernetzungspraxis helfen, das Problem zu beleuchten.


"Durch Vernetzungsaktivitäten lässt sich ausgezeichnet das Versagen einer Institution kaschieren."

Da tagt die Stadtteilkonferenz regelmäßig und "intensiv", fertigt Protokolle über das lokale gesellschaftliche Leben - vor allem über die immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen - und versendet dieses an einen bemerkenswert großen Verteiler ("... durch Transparenz werden ja viele erst auf die ungeheuren Probleme hier vor Ort aufmerksam gemacht."). Untereinander lobt man den guten persönlichen und direkten Austausch ("... unsere Stadtteilarbeit klappt ausgezeichnet, alle machen mit.").


Aber dass zur gleichen Zeit 12 Kinder und Jugendliche sich "plötzlich" zusammentun, durch massives Auftreten ans Werk gehen - Abziehen und Erpressen gehört dazu - und damit einen ganzen Stadtteil durcheinander bringen, ist an den aufmerksamen professionellen Seismographen im Stadtteil, wie sich die Netzwerker selbst gern bezeichnen, ganz und gar vorbeigegangen ("... kommt für uns völlig überraschend - war so nicht zu erkennen"). Trotz betonter "Lebensweltorientierung" sind die fleißigen Helfer eben doch, so scheint es, meilenweit entfernt von der wirklichen Lebenswelt der anstrengenden und schwierigen Jugendlichen. Feiern Schule, Polizei und Jugendhilfe in Broschüren und auf Tagungen den erfolgreichen präventiven Charakter ihrer Netzwerkarbeit, so ist doch mitunter ein kritisches Hinterfragen durchaus angebracht.

"Durch falsch verstandene Vernetzung wird die Kluft zwischen Bürokratie und Lebenswelt weiter vergrößert."

Stadtteilrunden gebärden sich oftmals als Dramatisierungsparlamente. Mitunter hat man den Eindruck, einem Jammerkulturfestival beizuwohnen: Im Stadtteil entwickle sich alles bedrohlicher, in deutlich wachsendem Maße spitzten sich die Verhältnisse zu und immer mehr Handlungsbedarf sei erkennbar. Gleichzeitig engten sich die Verbesserungsmöglichkeiten, weil die Politik nicht das notwendige Geld zur Verfügung stelle, immer mehr ein. Überhaupt verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen zusehends. Die Kollegen aus den verschiedenen pädagogischen Professionen können sich hier so richtig ausleben und ihren Frust von der Seele reden ("... das sag′ ich einfach mal so."). Sie finden hier eine gut zuhörende und mitfühlende Gemeinde ("... ja, das kann ich gut verstehen."). Man ist unter sich und hat sich im gemütlichen Elend schön eingerichtet.

Betroffenenbeteiligung ist zwar auf die Fahnen geschrieben worden, aber irgendwie schwierig hinzukriegen. Es kommt "von denen" einfach niemand. Und deshalb werden mitunter "einfach so" vertrauliche persönliche Daten bei Kaffee und Kuchen transferiert. Weil keine kritischen Beobachter zugegen sind, lässt sich′s vom sicheren Port gemächlich streiten ("... das liegt wieder mal an der Verwaltung, die kommen einfach nicht in die Gänge." Oder: "... politisch muss sich unbedingt was bewegen, die Haushaltsmittel müssen deutlich angehoben werden."). Verantwortlichkeiten werden verschoben, denn verantwortlich will niemand sein. Kollektive Unverantwortung breitet sich fast unmerklich aus. Ob vielleicht aus mancher Stadtteilrunde eine Selbsthilfegruppe wird? Oder ist hier gar - garstig gefragt - ein Stammtischersatz für orientierungslose Sozialarbeiter geschaffen worden? In Wirklichkeit entfernen sich die Netzwerker von der Lebenswelt ihrer eigentlichen Zielgruppe und von der ihrer Anstellungsträger und vergrößern damit ungewollt die ohnehin ausgeprägte Kluft zwischen ihnen und dem Rest der Welt.

"Vernetzung kann das gelegentlich vorhandene Syndrom, sich vom Mief der Lebenswelten entfernen zu wollen, zusätzlich fördern. Kooperation unter Kollegen - beschwerlich genug - ist immer noch einfacher, als orientierungslos im Stadtteil herumzuirren."

Es ist wohl so: Die eigene Sozialisation, die Prägung und die Einflüsse im privaten und beruflichen Leben der Netzwerker haben den persönlichen Aktionsradius und die Kommunikationsmöglichkeiten festgelegt. Man kommt einfach nicht aus seiner Mittelschichtshaut heraus. Deshalb besteht zur anstrengenden Zielgruppe trotz anderslautender Bekenntnisse und Beteuerungen doch Distanz. Man spricht ihre Sprache nicht und weiß auch sonst nicht allzuviel mit ihnen (emotional) anzufangen. Ihre Nähe hält man allenfalls eine Stunde beim Hausbesuch oder in der Sprechstunde aus. Eine engere Verbundenheit bitte aber auf keinen Fall! Ein im Verborgenen stattfindender Entfernungsprozess bestimmt, bewusst oder unbewusst, das Verhalten des Helfers. Das Stadtteilnetz mit den dazugehörigen Gesprächsrunden und dem schönen gesellschaftlichen Leben darin kommt wie gerufen. Das Surfen in diesem Netz ist eine angenehme Alternative zur kräftezehrenden und nervenaufreibenden Einzelfallarbeit. Mit Kollegen, Semiprofessionellen und Ehrenamtlern zu kommunizieren, ist attraktiver und bequemer, als die triste Fallarbeit. So kann man sich schon mal im Netz eine kleine Nischenhängematte einrichten. Man kann auch im feingesponnenen Netz hängenbleiben - entfernt von jenen, für die man sich zu engagieren vorgibt.


Probleme der Netzwerkarbeit

Wenn wir die Ironie verlassen und zurückkehren zu einer etwas sachlicheren Betrachtung, lassen sich die Probleme der Netzwerkarbeit einfacher und unspektakulärer beschreiben: Unstrukturiert organisiert und unsystematisch betrieben, lässt sie offen, wer eigentlich Auftraggeber der Stadtteilrunden und Netzwerke ist. Sind Sozialarbeiter, Lehrer und Gemeinwesenarbeiter, oft ohne "richtige" Bevollmächtigung aktiv, allein durch ihre Profession berufen, zu allem und jedem dezidiert Position zu beziehen?

Unvermittelt wird der eigene Anstellungsträger oder das Politikfeld durch Professionelle vor einen Knoten geschoben, ohne dass diese überhaupt Gelegenheit hatten, sich unabhängig mit einem aktuell skandalisierten Problem zu beschäftigen. Wer legt die Ziele fest, die Netzwerkarbeit erreichen soll? Liegt es in der Hand der Sozialarbeit, Ziele selbst zu definieren und die Zielerreichung selbst zu kontrollieren? Wer hat das hierzu notwendige demokratisch legitimierte Mandat? Doch wohl nur jene, die dafür gewählt wurden, und nicht die, die eher zufällig "zusammenkommen" und eher zufällig ein Problem definieren? Wie werden die Kooperationspartner ausgewählt? Können diejenigen, die es am besten verstehen sich darzustellen, bestimmen, welche Richtung die Netzwerkarbeit einschlagen soll? Was passiert, wenn beispielsweise ein Kooperationspartner versucht, sein Problem auf andere Institutionen abzuwälzen? Wer steuert, wer greift ein? Wann werden die Entscheidungsträger der Institutionen eingebunden?

Darüber hinaus ist kritisch anzumerken: Falsch verstandene Kollegialität und eine oft zu beobachtende konfliktvermeidende Kommunikation unter den im Netzwerk Tätigen führt allzu häufig dazu, dass Unverbindlichkeit und Beliebigkeit Einzug halten können. Im übrigen kümmert sich selten jemand um die Kosten der Netzwerkarbeit. Der Personalaufwand ist nicht gering. Zudem wird ein großer Teil der verfügbaren Arbeitszeit damit verbraucht, sich von Mal zu Mal neu zu organisieren. So verpuffen teure Ressourcen, die in Zeiten knapper öffentlicher Mittel anders und besser eingesetzt werden könnten. Gute Ideen und Projektvorschläge bleiben auf der Planungsebene, weil keiner für die Umsetzung verantwortlich ist.

Aufgaben der Netzwerkarbeit

Netzwerkarbeit und runde Tische sind dennoch sinnvoll. Es gibt bei den heute zu lösenden Problemen keine Alternative zur Entwicklung von Kooperationsformen, die dazu beitragen, unterschiedliches Know-how zusammenzuführen. Viele Netzwerke erreichen diese Ziele heute auch. Sie sind lebendige, kommunikative und ideenreiche Foren - durchaus beispielhaft.

Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass Sozialraumorientierung und Netzwerkarbeit Methoden der Sozialarbeit sind, nicht aber deren Ziele. Sozialarbeit muss sich daran messen lassen, ob sie es schafft, soziale Benachteiligungen auszugleichen und den unterprivilegierten Bevölkerungsschichten gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Runde Tische und Netzwerke, die sich diesem Ziel verschreiben und sich entsprechend organisieren, sind ohne Frage eine Bereicherung für die soziale Arbeit und das kommunale gesellschaftliche Leben.

Netzwerkarbeit ist für die Menschen eines Quartiers oder für eine Gruppe von Betroffenen zu gestalten. Die Betroffenen sind oft genug Sachverständige in eigener Sache. Es kommt darauf an, diesen Sachverstand zu nutzen und ihn adäquat einzubinden. Die Veränderung von Zusammenhängen und Problemlagen muss im Mittelpunkt stehen. Konkrete und erlebbare Vorhaben und Projekte mit ablesbaren und nachvollziehbaren Ergebnissen bewirken etwas für die Betroffenen und nehmen sie im übrigen auch mit ins Boot. Aufgabe von Sozialarbeit ist es, hierfür praxisnahe und transparente Kooperationsformen zu erschließen. Nur wenn Netzwerker vermitteln können, dass Veränderung im überschaubaren sozialen Umfeld möglich ist, entsteht die erforderliche Resonanz.

Netzwerkarbeit braucht klare Zielvorgaben, die mit den Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung, Institutionen, Initiativen und Verbänden abgestimmt sind. Der Auftrag kann nur durch die Institutionen erteilt werden, für die die Akteure tätig sind. Es bedarf klarer Regelungen mit Geschäftsführung, Geschäftsordnung und Verantwortlichkeiten für alle Phasen der Arbeit. Zeitvorgaben und Berichtswesen mit einem "Controlling" über die Aufgabenerledigung und Zielerreichung müssen selbstverständlich sein, damit der Erfolg der Arbeit auch nachgewiesen und dokumentiert werden kann. Eine Delegation von Verantwortung auf die Netzwerker und auf die Stadtteilinitiativen ist dann völlig unproblematisch und sogar sinnvoll.

1 Prof. Dr. Wolfgang Hinte: Beteiligung und Vernetzung - ein kritischer Blick auf aktuelle Mode-Begriffe in "Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit", VOTUM, 12/97.

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