Nobelpreise zählen ist nicht genug

In der aufgeregten deutschen Debatte um Elitehochschulen und Spitzenforschung wird ein zentraler Gesichtspunkt völlig übersehen: Was die besten Universitäten der Welt ausmacht, ist vor allem die hervorragende Qualität ihrer Lehre

Wenn in Deutschland über Elitehochschulen diskutiert wird, sind die glorreichen Vorbilder stets schnell bei der Hand: Harvard, Yale und Stanford, in Europa Cambridge und Oxford – darunter geht es offenbar nicht. Im Mittelpunkt stehen dabei die Forschungserfolge, gemessen etwa am – durchaus fragwürdigen – Kriterium der Zahl der Nobelpreisträger vor Ort. Es ist symptomatisch für die deutsche Hochschuldebatte, dass es gegenwärtig fast ausschließlich um den Platz der Spitzenforschung an den Universitäten geht. Dabei ist gleichgültig, ob dies unter dem Banner eines wie auch immer gearteten Begriffs der „Innovation“ geschieht oder in bürokratisch-verklausulierter Form durch die Forderung nach „Spitzenfakultäten“, die als „Leuchttürme der Forschung“ fungieren sollen. So oder so wird eines übersehen: Nicht allein die Forschungserfolge sind es, die den Erfolg der ausländischen Elitehochschulen erklären. Jede dieser Institutionen hat ein durchdachtes und finanziell hervorragend ausgestattetes System der Lehre.

Vier Hauptgründe machen die exzellente Lehre zu einer unverzichtbaren Säule für Elitehochschulen: Erstens erlaubt eine intensive Betreuung, wissenschaftliches Talent frühzeitig zu erkennen und zu fördern, und zwar innerhalb des eigenen Instituts. Denn jede Universität sollte ein natürliches Interesse daran haben, sich für die eigenen Reihen den besten wissenschaftlichen Nachwuchs zu sichern. Zweitens erhöht gute Lehre die Zufriedenheit der Studenten mit ihrer Universität. Später, als Ehemalige, sind sie dann eher bereit, sich finanziell oder ideell für die „Alma mater“ zu engagieren. Drittens schafft ein finanziell gut ausgestattetes System der Lehre Verdienstmöglichkeiten für Doktoranden und Postdoktoranden. Dazu ist eine Flexibilisierung der Vergabe von Lehraufträgen genauso notwendig wie eine leistungsbezogene Vergütung. Beides ist in Deutschland in der Vergangenheit zu oft dem Rotstift zum Opfer gefallen. Viertens schließlich basiert der gute Ruf der Absolventen – und damit der Uni selbst – in der Wirtschaft vor allem auf der guten Lehre. Die Erfahrung zeigt, dass Unternehmen unter solchen Bedingungen durchaus zu nachhaltigem Sponsoring bereit sind. So ist etwa das universitätseigene Computer Science Laboratory der University of Cambridge voll von Microsoft finanziert worden.

Wer nicht regelmäßig erscheint, fliegt raus

Wie lässt sich gute Lehre in der Universität verankern? Nicht jedes Modell ist ohne weiteres übertragbar. Beispiel Cambridge: Das Rückgrat der Lehre bildet dort das College-System. Alle Studierenden gehören zugleich der Universität (und damit einer bestimmten Fakultät) und einem weitgehend autonomen College an. Das College ist Mittler zwischen Universität und Studierenden und koordiniert neben sozialen Funktionen (Wohnraum, Verpflegung) auch die Lehre – und zwar für jeden einzelnen Studierenden: Wer nicht regelmäßig zu den meist wöchentlichen Kleinstseminaren mit maximal drei Studierenden pro Tutor erscheint und entsprechende Lernfortschritte macht, wird verwarnt. Hilft dies nicht, droht der Rausschmiss. Dass, wie in Deutschland üblich, manche Studierende erst bei der Zwischenprüfung einem Mitglied des Lehrpersonals gegenübersitzen, ist im Rahmen eines solchen Systems undenkbar.

Nun wird niemand ernsthaft deutschen Universitäten eine über Jahrhunderte gewachsene College-Struktur aufzwingen wollen, zumal diese, wie sich gegenwärtig am Beispiel der Traditions-Universitäten Oxford und Cambridge zeigt, schnell an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit stößt. Aber eine Lehre lässt sich aus den Erfahrungen des College-Systems doch ziehen: Wo die Universität ihren Studierenden nicht als anonyme Verwaltungsbürokratie entgegentritt, sondern diese sozial in die Universitätsstruktur einbindet, ist Schlendrian auf Seiten der Studierenden ebenso wie Drückebergerei seitens der Dozenten seltener als dort, wo Gleichgültigkeit oder Massenbetreuung regieren. Die Lehre muss also auf nahezu allen Ebenen verbreitert werden. Jedem und jeder Studierenden sollte von Anfang an ein Tutor zur Seite gestellt werden. Das muss durchaus kein Professor sein – auch in Oxford und Cambridge sind die wenigsten Tutoren zugleich Professoren. Lektoren, Postdoktoranden, auch Doktoranden übernehmen dort – bisweilen semesterweise – diese Funktion, mit großem Erfolg.

Wichtig ist, Anreize für die Lehre zu schaffen. Dazu gehört, die Lehre auf Honorarbasis zu vergüten: Wer sich stärker um die Betreuung der Studenten verdient macht, muss dafür belohnt werden – und zwar nicht durch einen Hungerlohn, der für so manchen Lehrbeauftragten an deutschen Universitäten kaum die Fahrtkosten abdeckt, sondern durch handfeste Honorare. In Cambridge heißt das beispielsweise: Rund 30 Euro Vergütung für eine Stunde intensiver Betreuung inklusive Vorbereitung. Wer befürchtet, ein solches System werde in großem Stil Dauerstellen für das Lehrpersonal gefährden, da nun jeder Postgraduierte auf Honorarbasis lehren dürfe, dem muss einerseits entgegengehalten werden, dass an deutschen Unis Dauerstellen im Lehrbereich (unterhalb des Professorenlevels) ohnehin kaum existieren. Andererseits muss selbstverständlich eine Umschichtung der Finanzmittel zugunsten der Lehre erfolgen. Als einfach zu verwirklichende Maßnahme ist zu erwägen, einen Teil des Gehalts von Doktoranden und Postdoktoranden von deren Beteiligung an der Lehre abhängig zu machen. Eine Kultur der Lehre wird sich nur entwickeln lassen, wenn schon in der Qualifizierungsphase Bereitschaft und erfolgreiches Engagement in der Lehre gefordert und finanziell sowie ideell honoriert werden.

Gute Professoren sind gute Lehrer

Überdies muss die Betreuung der Studierenden individueller gestaltet werden. Dadurch erst verdient sich die Universität das Recht, Studiengebühren zu erheben. Gesellschaftliche Akzeptanz kann man für Studiengebühren nur dann erwarten, wenn sie von Maßnahmen zur Verbesserung der Lehre flankiert werden. Sind solche Strukturreformen aber erst einmal eingeleitet worden, darf es kein Tabu mehr sein, einen finanziellen Beitrag der Studierenden zu fordern.

Die neuen Elitehochschulen müssen handfest demonstrieren, dass exzellente Lehre denselben Stellenwert hat wie exzellente Forschung. Bei der Auswahl der Professoren muss ein hoher Anspruch an deren Fähigkeit zu guter Lehre gestellt werden. Diese sollte öffentlich demonstriert werden. Zum Beispiel könnten die Kandidaten eine öffentliche Testvorlesung halten, die den von ihnen zu lehrenden Stoff auf hohem Niveau auszugsweise vermittelt. Zu dieser Vorlesung sollten Studierende des betreffenden Fachbereichs eingeladen und nach ihrem Urteil befragt werden. Die Lehrleistungen an den früheren Wirkungsstätten des Bewerbers müssen ebenfalls dokumentiert werden. An amerikanischen Universitäten wie etwa der Stanford University ist es gang und gäbe, im Rahmen von Berufungsverfahren frühere Doktoranden und Studenten der Bewerber schriftlich um ihre Meinung zu den Lehrleistungen des Bewerbers zu befragen.

Vor allem aber muss sich das Bewusstsein an den Universitäten selbst ändern. In Deutschland wird Lehre viel zu oft als Belastung angesehen und nicht als Chance. Das akademische Renommee einer Institution muss davon abhängen, ob ihre Wissenschaftler genauso gut lehren, wie sie forschen. Solange diese Einsicht nicht Teil des Programms der Eliteförderung wird, bleiben wir in Deutschland von wirklichen Elitehochschulen weiterhin meilenweit entfernt.

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