Macht Kinder und seit richtig radikal!

Der Journalist Ulrich Deupmann hat einen flammenden Appell für den Aufbau einer "Kinderrepublik Deutschland" verfasst

Innerhalb kürzester Zeit sind im Verlag S. Fischer zwei Bücher zum demografischen Wandel erschienen. Nach Elisabeth Niejahrs Alt sind nur die anderen (siehe Berliner Republik 1/05) hat jetzt Ulrich Deupmann sein gleichermaßen faktenreiches wie provokantes Buch Die Macht der Kinder! vorgelegt. Niejahr und Deupmann sind beide politische Journalisten in der Hauptstadt, beide sind Jahrgang 1965. Die Bücher stehen nicht gegeneinander, zumeist beschreiben sie den durch den dramatischen Geburtenrückgang begründeten gesellschaftlichen Wandel sogar recht ähnlich.

Trotzdem haben sie zwei völlig unterschiedliche Ansätze gewählt. Die Zeit-Redakteurin Elisabeth Niejahr schreibt eher aus der Perspektive der Älteren, zu der ihre geburtenstarke und nachwuchsarme Baby-Boomer-Generation schon in absehbarer Zeit gehören wird. Sie stellt die erheblich älter werdende Gesellschaft als Tatsache dar, die gestaltet werden kann, wenn wir diese Herausforderung annehmen. Ulrich Deupmann, Leiter des Hauptstadtbüros der Bild am Sonntag, beschreibt den demografischen Wandel deutlich pessimistischer. Er warnt vor jeder Beschönigung, denn „mit steigendem Alter lässt unsere geistige Beweglichkeit schrittweise nach“. Deupmanns Antwort lautet: „Wir müssen rasch und rasant die Geburtenziffern steigern.“ Dann sei Deutschland Mitte des Jahrhunderts wieder ein demografisch ausgeglichenes und leistungsfähiges Land.

Plakativ schreien den Betrachter auf dem Cover des Buches zwei Wörter an: „Macht Kinder!“ – mit Ausrufungszeichen. Doch wer hofft, dass Deupmann diesen sehr persönlich wirkenden Aufruf erläutert, indem er auf die subjektive Situation von jungen Frauen und Männern sowie ihr Verhältnis untereinander eingeht, wird enttäuscht. Deupmanns zentrales Thema sind die Rahmenbedingungen des Kinderkriegens. Der Journalist, der früher für die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel geschrieben hat, begnügt sich mit der Ausgangsannahme, dass junge Menschen „nichts sehnlicher“ wünschten, als eine Familie mit Kindern zu gründen. Mit steigendem Alter reduzierten sich die Kinderwünsche dann zunehmend, und obendrein bleibe auch deren Realisierung noch weit dahinter zurück. Dass Befragungen als Hauptgrund für Kinderlosigkeit oftmals das Fehlen geeigneter Partner ermitteln, thematisiert Deupmann nur indirekt.

Zwar deckt er auf, dass nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Frankreich wesentlich mehr Kinder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften geboren werden – bei den Erstgeburten sind es dort schon 55 Prozent. Deupmann moniert auch, dass die deutsche Politik darauf bislang „ideologisch-moralisch“ reagiert habe. Aber im Detail geht er auf die privaten Lebensentwürfe der Menschen nicht ein. Stattdessen macht er sich für eine vollständige staatliche Übernahme der Kosten von künstlichen Befruchtungsversuchen stark, was jedoch wegen der von ihm ebenfalls festgestellten erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen für die Frauen als eine etwas eigenartige Form der Geburtensteigerung erscheint.

Für eine aktive Bevölkerungspolitik

„Macht Kinder!“ ist eine Aufforderung, die sich an die Politik sowie an die Entscheidungsträger in Gesellschaft und Wirtschaft richtet. Schonungslos und mit Vehemenz zeichnet das Buch die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen nach, die besonders in den besser gebildeten Schichten unseres Landes für chronischen Kindermangel sorgen: „Dieses Land zwingt hunderttausend junger Akademikerinnen ihren angeblichen ‚Gebärstreik‘ auf, weil wir ihnen regungslos die Entscheidung zwischen Karriere und Kindern abverlangen.“

Nachdrücklich plädiert Ulrich Deupmann daher für eine aktive Bevölkerungspolitik. Über die Problematik des Begriffs ist er sich im Klaren. In einem historischen Exkurs wird die Bevölkerungspolitik der Nazis kenntnisreich nachgezeichnet. Doch „wegen der Mütterkreuze von einst dürfen wir im 21. Jahrhundert zeitgemäßes Handeln nicht unterlassen“. Zumal das, was in Deutschland betrieben werde, durchaus auch Bevölkerungspolitik sei – eine „passive Bevölkerungspolitik“, die den Frauen die Verwirklichung ihres Kinderwunsches verleide.

Einen Zehn-Punkte-Plan für eine Million neu geborener Kinder im Jahr 2010 stellt Deupmann am Ende seines Buches auf. Zentrale Forderungen sind die kostenfreie Ganztagsbetreuung für Kinder ab dem ersten Geburtstag und eine Halbtags-Kindergartenpflicht ab dem dritten Lebensjahr. Richtigerweise betont Ulrich Deupmann, dass Bildung heute bereits bei den Jüngsten ansetzen muss.

Zuverlässig wie deutsche Schäferhunde

Die Steigerung der Geburtenrate allein rechtfertige jedoch noch keine Entwarnung, denn der „entscheidende zweite Teil der ‚Operation Zukunft‘ beginnt erst mit dem Tag der Geburt“. Daher fordert Deupmann ein neues Bildungssystem, das Schluss machen müsse mit der Vernachlässigung des entscheidenden erste Lebensjahrzehnts der Kinder in Deutschland. „Beinahe ohne öffentliches Begleitgeräusch vollzieht sich die Abschiebung Hunderttausender Kinder auf ein Leben am Rande der Gesellschaft schon bei der Vollendung ihres zehnten Lebensjahres“, schreibt er über die tatsächlich skandalösen Ergebnisse unseres dreigliedrigen Schulsystems.

Deutsche Bildungspolitik vergleicht Ulrich Deupmann mit Friedensarbeit auf dem Balkan: „An der friedlichen Oberfläche werden neue Straßen gebaut. Doch ein Funken kann genügen, um die trügerische Szenerie von aufblühender Vernunft wieder in ein Flammenmeer zu verwandeln“, schreibt er. „Zuverlässig wie deutsche Schäferhunde“ seien Politiker und Beamte in Bund, Ländern und Kommunen vor allem damit beschäftigt, ihre Zuständigkeitsreviere bewachen.

Deupmann deutet das Scheitern der Föderalismusgespräche als einen Erfolg für die Bildungspolitik. Denn auf diese Weise sei der Bund weiterhin mit von der Partie. Ohne den Impuls des Bundes zur Errichtung von Ganztagsschulen hätten sich die westdeutschen Länder weiterhin aus der Verantwortung gestohlen. Allerdings habe die Bundesregierung zuvor das Grundgesetz akribisch durchforsten müssen, um überhaupt Wege zu finden, den Ländern das Geld zu schenken. „So eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten wollten die Herren Ministerpräsidenten nie wieder erleben“, schreibt er über die Position mehrerer Ministerpräsidenten bei den Föderalismusdebatten: „Lieber verwalten sie schlechte Schulen, als dass sie sich vom Kanzler ein Bündel Scheine in die Hand drücken lassen.“ Ähnlich verlaufe die Diskussion jetzt hinsichtlich der beschlossenen Ausbaus der Betreuung für Unter-Dreijährige. Diese sei in einem „Spektakel um Zuständigkeiten und Finanzströme gemündet“.

Insgesamt will Deupmann die Ausgaben für Krippen, Kitas und Schulen innerhalb von fünf Jahren verdoppeln. Er verrät sogar, wie er das finanzieren will: Um drei Prozentpunke soll der Spitzensteuersatz erhöht werden. Ferner sollen auf Renten und Pensionen drei Prozent „Kinder-Soli“ erhoben werden – gewiss eine provokative Forderung. Aber nicht nur die Seniorinnen und Senioren sollen ihren Beitrag zur Solidarität zwischen den Generationen leisten. Auch die heutigen Eltern, die schließlich am meisten von den Investitionen in Bildung und Betreuung profitieren, sollen zahlen, indem das Kindergeld halbiert wird.

Zuverlässige Infrastruktur statt Kindergeld

Grundsätzlich hat Ulrich Deupmann dabei Recht: Eine leistungsfähige Betreuungsinfrastruktur würde vielen Menschen mehr helfen als ein hohes Kindergeld. Leider vergisst er aber zu erwähnen, dass ausgerechnet die Besserverdienenden von der Kürzung des Kindergeldes gar nicht oder kaum betroffen wären, da sie stattdessen einen Steuerfreibetrag erhalten. Der wiederum steht unter dem Schutz des Verfassungsgerichtes, mit dem sich Deupmann auch an anderer Stelle nicht anlegen will: „Natürlich gehört das Ehegattensplitting, von der auch kinderlose Ehepaare mit durchschnittlich 2.000 Euro im Jahr profitieren, am besten heute noch abgeschafft“, schreibt er, glaubt jedoch, dass dies nur mit einer Grundgesetzänderung möglich wäre, um die zu kämpfen aussichtslos sei.

Begeistert ist Ulrich Deupmann von den Plänen für ein Elterngeld als Lohnersatzleistung, für die er Renate Schmidt ein ausdrückliches „Bravo“ zuruft. Er fordert grundsätzlich einen „Familien- und Kinder-TÜV“, der alle Gesetzgebungsvorhaben auf ihre Familienfreundlichkeit prüft. Denn: „Attraktive Politik braucht einen geistigen Kern, einen Angelpunkt, einen Kompass.“ In den Mittelpunkt dieser Politik will Ulrich Deupmann die Kinder rücken. „Kinder sind die Klammer, um das gefühlte Nebeneinander von Gemeinnutz und Eigennutz wieder zu verschmelzen“, lautet sein Credo für die „Kinderrepublik Deutschland“.

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