Das Prinzip Geschlechtergerechtigkeit



In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts forderte die Frauenbewegung mehr Autonomie für Frauen und deren gleichwertigen Zugang zu einem gesicherten Einkommen. Sie wurde erhört: Inzwischen fördern Richtlinien der Europäischen Union die Chancengleichheit, und nationale Regierungen unterstützen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – etwa indem sie für Kinderbetreuung sorgen. Doch so wichtig diese Maßnahmen waren und so großzügig sie in einigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vorangetrieben wurden – bewirkt haben sie weder Geschlechtergleichheit noch stabile Verhältnisse für die Familien.

Zwar sind viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich, doch zugleich stellen Frauen immerhin drei Viertel aller working poor. Viele Familien haben Zugang zu Kinderbetreuung, trotzdem geht die Geburtenrate überall in Europa stark zurück. Viele Männer betreuen die Kinder und arbeiten im Haushalt mit, aber die meiste pflegerische Arbeit bleibt weiterhin an den Frauen hängen.

Der Erfolg der europäischen Volkswirtschaften hängt jedoch von hohen Erwerbsquoten ab – und damit davon, dass Frauen erwerbstätig sind. Das Bekenntnis zu einer Politik der Aktivierung – als Voraussetzung für die Modernisierung der europäischen Sozialmodelle – erfordert zugleich, dass der Begriff der „Vollbeschäftigung“ neu definiert werden muss. Nach der keynesianischen Definition war damit nur die Hälfte der Bevölkerung gemeint, heute dagegen so gut wie alle Erwachsenen. Diese Neudefinition macht seit langem gültige Annahmen über den besten Mix aus öffentlicher und privater Verantwortung für die Betreuung von Kindern und gebrechlichen Älteren vollkommen hinfällig. Die Grundprinzipien der Geschlechtergleichheit bilden einen neuen Maßstab:

Jedes Sozialmodell, das auf soziale Gerechtigkeit abzielt, muss die soziale Inklusion aller Frauen und Männer aller Altersgruppen garantieren. Soziale Inklusion bedeutet die Anerkennung, dass Menschen dazugehören, einschließlich der Fähigkeit, Forderungen zu erheben und an kollektiven Entscheidungen teilzunehmen. Die „Fähigkeit“ dazu zu haben heißt, Ressourcen an Zeit, Energie und Geld zu besitzen.

Eine roadmap für soziale Gerechtigkeit muss zudem sicherstellen, dass Frauen und Männer gleichen Zugang zu Sicherheit haben und dass diese Sicherheit im Lebensverlauf gerecht unter den Geschlechtern verteilt ist. Wichtig ist ein gesichertes Einkommen, wichtig sind aber auch Gesundheit, Wohnverhältnisse und ausreichende Nahrung. Zwar wird die körperliche Sicherheit gelegentlich nicht als Bestandteil des Sozialmodells (also der Kernaufgabe des Staates) betrachtet, tatsächlich aber sind sichere Gemeinden, Straßen und Spielplätze für das Wohlbefinden von Frauen, ihren Familien und ihren Kindern ganz zentral.

Allzu häufig wird die Autonomie als gleichsam selbstverständliches Ziel eines Sozialmodells betrachtet. In Wirklichkeit versteht sich die Frage der Eigenständigkeit in einem Zeitalter niedrig entlohnter Arbeit keineswegs von selbst. Wenn junge Leute eine Familie gründen wollen, müssen sie abschätzen, ob sie einen Haushalt aus eigener Kraft führen können. Ältere Menschen wiederum wünschen sich, so lang wie möglich autonom zu leben, möglichst in den eigenen vier Wänden und ohne abhängig zu werden von Kindern, vom Staat oder der Gesellschaft. Die Autonomie von Frauen wird zusätzlich beeinträchtigt, wo sie nicht als Individuum, also unabhängig vom Partner Zugang zu Einkommen und staatlichen Leistungen haben.

Autonomie, Sicherheit und soziale Inklusion für Frauen und Männer gleichermaßen sicherzustellen sollte Bestandteil jeder roadmap für soziale Gerechtigkeit sein. Welche politischen Herausforderungen ergeben sich aus diesen Prinzipien? Dieser Artikel konzentriert sich auf zwei in der aktuellen Diskussion über das europäische Sozialmodell besonders relevante Herausforderungen: Demografie und Arbeit.

Es lohnt sich, mit der demografischen Entwicklung zu beginnen, weil sie in mancher Hinsicht die größte Herausforderung für die bestehenden Sozialmodelle ist. Heute leben Männer und Frauen sehr viel länger als früher, und auch das Leben nach der Pensionierung hat sich verlängert. Zwar nähert sich die Lebenserwartung von Frauen und Männern an, trotzdem sind ein langes Leben und dessen Risiken auf fundamentale Weise von geschlechterpolitischer Bedeutung. Illustrieren lässt sich dies anhand der Verantwortung für die private häusliche Pflege in der alternden Gesellschaft sowie am Beispiel des Arbeitsmarktes für Pflegekräfte.

Fast ein Drittel aller Europäer betreut privat einen anderen Erwachsenen.1 In der Vergangenheit wurde ein großer Teil der häuslichen Altenpflege von Familien geleistet, besonders von den Töchtern und Schwiegertöchtern. Drei Faktoren haben dazu geführt, dass sich dieses Muster aufgelöst hat:

Erstens wollen ältere Menschen heute nicht mehr von ihren Verwandten abhängig werden, und sie streben nach umfassender sozialer Beteiligung. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass ältere Menschen den gleichen Zugang zu einem selbständigen Leben brauchen und Anspruch auf Sicherheiten aller Art haben – nicht nur die Gewissheit einer angemessenen Rente (so wichtig diese auch ist).

Zweitens bedeutet „familiäre Pflege“ heutzutage, dass ältere Menschen und zunehmend auch die sehr alten (die Über-80-Jährigen) im Ruhestand neue Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind.2 In erheblichem Umfang widmen sie sich der Krankenpflege von gebrechlichen Verwandten, nicht selten sind sie dafür verantwortlich, komplizierte medikamentöse Behandlungen zu beaufsichtigen. Weil die Lebenserwartung von Frauen höher ist und weil sie traditionell häufig ältere Männer heiraten, sind es typischerweise ältere Frauen, die diese „neuen Karrieren“ beginnen.

Drittens sind Frauen mit steigenden Erwerbsquoten vielfach so in die Erwerbsarbeit eingebunden, dass sie gar nicht frei entscheiden können, ob sie sich um einen älteren Verwandten kümmern wollen. Wenn sie dies tun müssen oder sich freiwillig dazu entschließen, beginnt eine Zeitbombe zu ticken. Denn dann gefährden sie ihre eigenen Alterseinkünfte. Zwar sind in vielen Ländern die informellen Vollzeit-Pflegekräfte durch bestimmte Programme in die sozialen Sicherungssysteme eingebunden, aber dies geschieht üblicherweise auf dem niedrigsten Niveau. Damit sind die informellen Pflegekräfte für ihr eigenes Alter nur minimal abgesichert.

Der Markt für Haushaltsdienstleistungen boomt

Solche Fragen der Geschlechtergleichheit in der alternden Gesellschaft befinden sich noch kaum auf dem Radarschirm der Politik. Sie müssen direkt angegangen werden, damit nicht durch die Altenpflege Ungleichheiten zwischen den Pflegenden verstärkt werden – einschließlich der Pflegenden, die mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Der Markt für Haushaltsdienstleistungen boomt.3 Haushaltsdienstleistungen ermöglichen es vielen Menschen, im Alter in ihrer Nachbarschaft zu bleiben, dort aktiv zu sein und – sogar als Alleinstehende – sicher zu leben. Haushaltsdienstleistungen tragen zur Sicherheit, Autonomie und sozialen Inklusion älterer Menschen bei.

Jedoch bietet der Arbeitsmarkt selten qualitativ hochwertige Beschäftigung für die überwiegend weiblichen Arbeitskräfte in dieser Branche. In allen Ländern der EU-15 arbeiten in der Altenpflege, als Reinigungskräfte (wie auch in der Kinderbetreuung) zu 90 Prozent Frauen. Die Bezahlung dieser Tätigkeiten ist extrem schlecht. Wenn also in der alternden Gesellschaft Politik für mehr Sicherheit, Selbständigkeit und soziale Inklusion der älteren Generation nicht bloß zu mehr qualitativ minderwertigen Jobs für Frauen führen soll, müssen Wege gefunden werden, damit dieser Arbeitsmarkt gerechter funktioniert.

Sinkende Geburtenraten sind ein weltweites Phänomen.4 Seit drei Jahrzehnten liegen die Geburtenraten in Europa unterhalb von 2,1 Kinder pro Frau – also jenem Niveau, bei dem die Bevölkerungszahl konstant bliebe. Unabhängig vom jeweiligen Wohlfahrtsmodell, unabhängig von den jeweils verfügbaren Dienstleistungen und Transferzahlungen, unabhängig auch von der Höhe der weiblichen Erwerbsquote geht in allen Ländern der EU-25 die Zahl der Geburten zurück.

In diesem Rückgang kommt das Schwinden eines ehemals großen sozialen Risikos zum Ausdruck: des Risikos, ungewollt schwanger zu werden und unfähig zu sein für alle eigenen Kinder zu sorgen. Dies hat das Leben von Frauen enorm verbessert und ihre Selbständigkeit erheblich gesteigert.

Allerdings gibt es ein Dilemma: Zu Recht befürchten viele, dass die Zukunft der EU als wirtschaftliche und politische Macht sowie die Lebensqualität in Europa bedroht sind. Niedrige Geburtenraten dürften das Wirtschaftswachstum ins Stocken bringen, die öffentlichen Haushalte werden durch Rentenzahlungen und die Gesundheitsfürsorge belastet. Zudem wird es künftig womöglich nicht mehr genug Menschen im arbeitsfähigen Alter geben, die ältere Menschen pflegen und unterstützen. Andererseits ist das Recht jeder einzelnen Frau und jedes Paares, selbst über die eigene Fortpflanzung zu bestimmen, nicht nur ein gesellschaftlich geteilter Wert. Es wird auch als private Angelegenheit betrachtet, in die Regierungen nicht eingreifen sollten: als Voraussetzung weiblicher Emanzipation und zentrales Merkmal der modernen europäischen Zivilisation.

Wie lässt sich die „Fruchtbarkeitslücke“ schließen?

Um aus diesem Mikro-Makro-Dilemma herauszukommen, haben einige Experten den Begriff der Fruchtbarkeitslücke (fertility gap) ins Spiel gebracht. Sie verglichen Umfrageergebnisse mit Geburtenraten und entdeckten eine Lücke zwischen der Zahl von Kindern, die Frauen sich wünschen und den tatsächlichen Geburtenraten.

Solche Daten gelten weithin als Beleg dafür, dass Frauen derzeit weniger Kinder bekommen als sie unter anderen Bedingungen womöglich bekommen würden. Das politische Ziel besteht dann darin, diese Lücke zu schließen. Das allerdings ist, wie Bevölkerungswissenschaftler zeigen, nicht einfach. Was muss getan werden? Wie sieht eine roadmap für soziale Gerechtigkeit aus, die gleichzeitig Geschlechtergleichheit und das künftige Wohl Europas voranbringt?

Die betroffenen Europäer nennen selbst Gründe für die Fruchtbarkeitslücke. Sie können die Diskrepanz zwischen ihrem Verhalten und ihren eigentlichen Wünschen erklären, und sie haben sogar Ideen, was zu tun ist. Für die Mehrzahl der Befragten ist die Gesundheit der Hauptgrund für die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit.5 Fast jeder fünfte Europäer nennt diesen Grund. Ganz weit oben auf der Liste stehen ferner finanzielle Sorgen – entweder im Allgemeinen (18 Prozent) oder weil Kinder Kosten verursachen (zusätzliche 9 Prozent). Das Problem, eine passende Wohnung zu finden, wird zweimal so häufig genannt wie die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie einschließlich des Zugangs zu Kinderbetreuung (7 Prozent).

Gefragt, welche Prioritäten die Regierungen bei der Unterstützung von Familie und Familienleben setzen sollten, stand im Jahr 2001 regelmäßig der „Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ ganz oben. In sechs Ländern der EU-15 führte dieser Punkt die Liste an, in zwölf der 15 Mitgliedsstaaten war er unter den drei am häufigsten genannten Faktoren. Flexible Arbeitszeiten und eine bessere Kinderbetreuung hingegen waren in nur drei Ländern die oberste Priorität. Was bedeutet das alles? Eine erste wichtige Schlussfolgerung lautet, dass es kein alleiniges Zaubermittel gibt.

Die Ziele von Barcelona in Bezug auf Kinderbetreuungsplätze müssen erreicht werden, weil Kinderbetreuung gut für Kinder ist und Eltern sie benötigen. Kinderbetreuung ist ein legitimes Instrument, um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsleben zu fördern und mehr Sicherheit zu gewährleisten. Der Arbeitsmarkt und die Gleichberechtigung sind gute Gründe dafür, eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung und Betreuung zu fördern. Das allein wird jedoch kaum zu Veränderungen bei den Geburtenraten führen.

Regelmäßig geben die Europäer in Umfragen die Wohnverhältnisse als einen der zentralen Faktoren für ihre Kinderentscheidung an – üblicherweise vor der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Deshalb muss auch der Zugang zu guten Wohnbedingungen Teil des policy mix sein. Wenn jedoch ein virtuous circle geschaffen werden soll, also eine Positivspirale, die bei mehr Menschen zur Entscheidung für mehr Kinder führt, dann ist eine noch umfassendere Perspektive vonnöten, die die finanziellen Unsicherheiten vieler Europäer – und vieler europäischer Frauen – in den Blick nimmt. Diese berichten, wann immer sie gefragt werden, dass sie es sich nicht trauen, Kinder in eine Welt zu setzen, in der ihre eigenen ökonomischen Aussichten unsicher sind. Ohne solcherlei Sicherheit werden sie verantwortungsbewusst handeln und weniger Kinder bekommen.

Während die Erwerbsquoten von Frauen steigen, stagnieren diejenigen der Männer. Frauen haben damit ihren Zugang zur wichtigsten Quelle von Einkommenssicherheit, sozialer Inklusion und Selbständigkeit verbessert: dem Arbeitsmarkt. Doch bestehen dort weiterhin hartnäckige Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Es gibt viele Beweise dafür, dass gut konzipierte Politik die Einkommenssicherheit und Selbständigkeit von Frauen fördert, während schlechte Politik beides zugleich untergraben kann. Auf der Nachfrageseite kann gute Politik die berufliche Segregation verringern und systematische Diskriminierung mindern. Schlecht konzipierte Politik hingegen kann dazu führen, dass bestimmte Maßnahmen – sogar jene zur besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Familie – das Angebot an Frauen auf dem Arbeitsmarkt verringern.

Schlechte Politik ist teuer

Schlechte Politik ist teuer. Beispielsweise versuchen die EU-Mitgliedsstaaten gelegentlich, die in Barcelona vereinbarten Ziele für Kinderbetreuung durch die Schaffung von Halbtagskindergärten zu erreichen. Weil diese per Definition nicht ganztags geöffnet sind, müssen Eltern häufig eine zweite Form der Kinderbetreuung ausfindig machen und den Transport von der einen Einrichtung zur anderen sicherstellen. Dieses Politikdesign macht Partnern mit zwei Vollzeitjobs sowie Alleinerziehenden das Leben schwer. Auf diese Weise können Mütter vielleicht ins Arbeitsleben einsteigen, doch wahrscheinlich nur ein paar Stunden pro Tag und daher mit geringem Einkommen.

Darüber hinaus ist die Gestaltung der Elternzeit sehr wichtig. Hier verschafft gut konzipierte Politik Frauen die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Arbeit anzunehmen und auch zu behalten. Nach einer gut bezahlten, kurzen Elternzeit (bis zu 12 Monate) können Eltern ohne größeren Verlust ihrer Fähigkeiten und ihres Wissens wieder auf ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Längere Elternzeitphasen hingegen (zum Beispiel drei Jahre) sind mit Blick auf die vollständige Einbeziehung von Frauen ins Arbeitsleben kontraproduktiv. Nicht nur, dass sie sich vor der erneuten Arbeitsaufnahme mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit umschulen lassen müssen; dieses Politikdesign lässt Arbeitgeber auch davor zurückschrecken, überhaupt Frauen einzustellen.

Die Europäische Union und viele ihrer Mitgliedsstaaten haben längst erkannt, dass Segregation und Diskriminierung die volle Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt blockieren. Es wurde auch gehandelt, um beides zu überwinden. Trotzdem sind wirkliche Verbesserungen schwer festzustellen. Der Bericht zur Sozialen Inklusion aus dem Jahr 2005 zeigt, dass Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männer arbeitslos und langzeitarbeitslos werden. Zudem leben sie mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männer in einem Haushalt, in dem niemand Arbeit hat, und sind mit bedeutend größerer Wahrscheinlichkeit armutsgefährdet – und dies sogar dann, wenn alle Sozialleistungen einbezogen werden. Diese negativen Geschlechterlücken existieren, obwohl Frauen seltener als Männer die Schule abbrechen.

Es bleibt dabei: Frauen verdienen weniger

Andere Benachteiligungen halten sich ebenso hartnäckig: Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehältern ist im vergangenen Jahrzehnt nicht geringer geworden; noch immer gibt es das Phänomen der „gläsernen Decke“ – weniger als ein Drittel aller Manager sind Frauen; die Trennung der Geschlechter nach Berufen bleibt weit verbreitet; niedrig entlohnte Arbeit wird überwiegend von Frauen verrichtet; rund 77 Prozent der als working poor eingestuften Arbeitnehmer in der EU-15 sind Frauen6; in mehreren Mitgliedsstaaten (Deutschland, den Niederlanden, Österreich und Großbritannien) beträgt der weibliche Anteil unter den Geringverdienern mehr als vier Fünftel.

Gehaltsunterschiede können verschiedene Ursachen haben: niedrigeren Lohn, weniger Arbeitsstunden oder beides. Die Tatsache, dass Frauen oft in Teilzeit arbeiten, ist keine umfassende Erklärung für ihren großen Anteil unter den Geringverdienern. Auch Frauen in Vollzeitarbeit landen mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männer in niedrig entlohnter Beschäftigung.

Zwar ist die Explosion bei den Teilzeitstellen nicht der einzige Grund dafür, dass Frauen weniger verdienen, doch dieser Umstand kann nicht ignoriert werden. Der Anstieg kann zu einem großen Teil auf die Expansion des tertiären Sektors zurückgeführt werden, in dem ungewöhnliche Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen verbreitet sind. Außerdem gibt es politische Kreise, die Teilzeitarbeit für Frauen als Mittel zur Vereinbarkeit von Arbeit und Familie vorantreiben.
Welches Ausmaß die Teilzeitarbeit annimmt, hängt von politischen Entscheidungen ab. Zugleich aber halten sich systematische Ungleichheiten. Obwohl die Männer in Dänemark drei Jahrzehnte lang aufgefordert wurden, mehr familiäre Verpflichtungen zu übernehmen, arbeiten hier nur ein Drittel so viele Männer in Teilzeit (11 Prozent) wie Frauen (31 Prozent). Das Gleiche gilt für Schweden.

Diskriminierung und Segregation auf dem Arbeitsmarkt, geringe Bezahlung in den typisch weiblichen Sektoren sowie weniger Arbeitsstunden tragen zur Armut von Frauen bei. Ein zusätzlicher Faktor kommt hinzu: die Anzahl von Erwachsenen in einem Haushalt, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Haushalte mit nur einem Verdiener sind im Durchschnitt ärmer als jene mit zwei (oder mehr) arbeitenden Erwachsenen. Einer von fünf Alleinverdiener-Haushalten fällt in die Kategorie der working poor. Unter den Haushalten der Alleinerziehenden zählen rund 22 Prozent zu den working poor; unter den Haushalten mit mehr als einem Erwachsenen und einem oder mehreren Kindern sind es 20 Prozent. Mit anderen Worten: Der Anteil der working poor ist unter Haushalten mit Kindern ähnlich hoch wie unter Alleinverdienerhaushalten.

Aufgrund solcher Befunde haben Regierungen sozialpolitische Instrumente zur Bekämpfung niedriger Einkommen entwickelt, unter anderem Lohnergänzungsleistungen. Einige dieser Lohnergänzungsleistungen können die finanziellen Ressourcen von Familien erhöhen. Aber aus sich selbst heraus bewirken sie kaum mehr Geschlechtergleichheit, auch schaffen sie kein Sozialmodell, dass Autonomie, Sicherheit und Inklusion für Frauen und Männer gleichermaßen garantiert. Warum nicht?

Zum einen: Wenn Staaten Verantwortung für die Zusammensetzung des Einkommens übernehmen, indem sie niedrige Löhne aufstocken, tun sie damit noch nichts, um den Arbeitsmarkt zu beeinflussen. Lohnergänzungsleistungen verbessern weder die Arbeitsbedingungen noch die Höhe des ursprünglichen Lohnes. Zum anderen: Das Aufstocken der Einkommen durch den Staat zielt nicht auf das fundamentale Problem vieler Frauen, keinen Zugang zu einer Arbeit mit ausreichender Stundenzahl zu haben.

Ohne Kinderbetreuung und Elternzeit geht es nicht

Die Europäische Union und die meisten ihrer Mitgliedsstaaten haben sich verpflichtet, die Geschlechtergerechtigkeit langfristig voranzubringen. Man hat Anstrengungen unternommen, um die Gleichheit von Männern und Frauen in Bezug auf Sicherheit, Selbständigkeit und soziale Inklusion zu erreichen. Der Fortschritt ist beeindruckend. Dennoch muss noch viel getan werden, und zwar aus mehreren Gründen:

Erstens sind nicht alle politischen Maßnahmen gleich effektiv. Immerhin wird allgemein anerkannt, dass Kinderbetreuung und Elternzeit zu jedem policy mix gehören müssen, der gleiche Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt fördern soll. Nicht alle Einrichtungen für Kinder bieten dasselbe Niveau an frühkindlicher Bildung, an Kinderbetreuung und Unterstützung von Berufstätigkeit. Nicht alle Formen von Elternzeit (sogar wenn bezahlt) fördern in gleichem Umfang die Teilhabe der Eltern am Arbeitsmarkt und den Zugang zu qualitativ hochwertiger Arbeit. Beim Benchmarking auf nationaler und europäischer Ebene müssen wir daher dem spezifischen Politikdesign und dessen Konsequenzen viel mehr Aufmerksamkeit schenken.

Zweitens müssen Maßnahmen, die Einkommenssicherheit schaffen sollen, den schnellen Wandel der Arbeitsmärkte berücksichtigen. Beispielsweise bedeutet Teilzeitarbeit für die Sicherheit von Frauen eine Chance und eine Bedrohung zugleich. Teilzeitarbeit birgt dann Chancen, wenn sie in Zeiten, in denen die Familie den Menschen viel Energie abverlangt, Flexibilität beim Ausbalancieren von Arbeit und familiären Verpflichtungen ermöglicht. Hingegen ist Teilzeitarbeit eine Bedrohung für das gegenwärtige und zukünftige Wohlergehen von Frauen, wenn sie zu einem weiblichen Ghetto mit niedrigen Löhnen, ohne Karrierechancen und Aussichten auf eine Vollzeitstelle wird. Deshalb vermeidet es eine roadmap für soziale Gerechtigkeit, leichtfertig „flexible Arbeitszeiten“ als Mechanismus für Geschlechtergleichheit oder andere Ziele zu beschwören.

Aber Teilzeitarbeit ist nicht der einzige Grund für die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Noch immer gibt es nach Geschlechtern getrennte Berufsmuster sowie diskriminierende Verhaltensweisen, auch wenn diese bereits seit den siebziger Jahren von EU-Richtlinien und nationalen Gesetzen ins Visier genommen werden. Deshalb dürfen die Regierungen nicht nachlassen, die Arbeitsmärkte so zu gestalten, dass deren Akteure dafür verantwortlich sind, gleichwertige Ergebnisse für beide Geschlechter zu erreichen. In dieser Frage muss der eingeschlagene Kurs gehalten werden.

Es ist eine Herausforderung, die Hoffnung der Regierungen auf höhere Geburtenraten einerseits und die Autonomie der Bürger bei der Entscheidung für oder gegen Kinder andererseits miteinander in Einklang zu bringen. Die Familien haben ihr Reproduktionsverhalten und ihre Kinderwünsche beträchtlich geändert. Ein Großteil der europäischen Bevölkerung braucht heutzutage zwei Einkommen, um oberhalb der Armutsgrenze zu bleiben. Und selbst eine kurze Berufspause, um Kinder großzuziehen, muss genau durchdacht werden.

Ganz sicher gibt es einen Bedarf an qualitativ hochwertiger frühkindlicher Erziehung und Betreuung, an einer gut gestalteten Elternzeit sowie an guten Wohnverhältnissen. Dennoch wissen Eltern auch, dass die Verantwortung für Kinder weit in die Zukunft reicht. Deshalb wollen sie sich über ihre langfristigen Einkommensperspektiven im Klaren sein, bevor sie ihre Entscheidung fällen. Solche Aspekte müssen in den meisten Diskussionen über die „Fertilitäts-Agenda“ erst noch ausführlicher behandelt werden.

Alte Gesellschaft, neue Gerechtigkeitsfragen

Die Alterung der Gesellschaft hat eine ganze Reihe neuer Fragen zur Gleichberechtigung auf den Tisch gebracht. Sicherheit, Selbständigkeit und soziale Inklusion – diese Herausforderungen reichen bis weit in die Zeit nach der Pensionierung. Jedes moderne Sozialmodell erkennt an, dass es sich bei „Familien“, die Betreuungsarbeit leisten, häufig um ältere Partner handelt, die füreinander sorgen. Sie sind auf Dienstleistungen angewiesen – für den Garten und das Haus, für die Unterstützung im Haushalt, für die häusliche Pflege und so weiter. Anderenfalls wird die Betreuungsarbeit eine unfaire Belastung und Bedrohung für die eigene Gesundheit.

Außerdem müssen politische Entscheidungen in dem vollen Bewusstsein getroffen werden, dass es zwischen den Interessen von Frauen im arbeitsfähigen Alter und den Interessen der Älteren Spannungen geben kann. Wenn ein Verwandter sich dafür entscheidet, eine Person zu pflegen, darf dies nicht eine langfristige Beeinträchtigung seines künftigen Wohlergehens nach sich ziehen. Auch dürfen politische Maßnahmen, die mehr Dienstleistungen für ältere Menschen sowie Sicherheit, Selbständigkeit und soziale Inklusion schaffen sollen, das Recht der Pflegekräfte auf gute Arbeitsbedingungen und vor allem auf vernünftige Löhne nicht ignorieren.

Aus dem Englischen von Michael Miebach

Wir danken dem Policy Network (London) für die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Textes. Er erschien zuerst in der Zeitschrift „Progressive Politics“ (Nr. 4.3, Herbst 2005).

Anmerkungen
1 Fast 17 Prozent der Erwachsenen in den Mitgliedsstaaten der EU-15 pflegen eine gebrechliche ältere oder behinderte Person, die nicht bei ihnen wohnt; derselbe Anteil pflegt eine Person, die bei ihnen wohnt. Jens Alber et al, Quality of Life in Europe, Dublin 2004, S. 37.
2 Es gibt nur eine geringe Differenz zwischen der Pflegearbeitsquote bei den Über-65-Jährigen (6 Prozent der Befragten) und bei der so genannten „Sandwich-Generation“, also der zwischen 35- und 64-Jährigen (7 Prozent). Ebenda, S. 37.
3 Durch Haushalts-Dienstleistungen wird vormals unbezahlte im Haushalt verrichtete Arbeit durch bezahlte Arbeit ersetzt. Die fünf größten Haushalts-Dienstleistungen sind: Altenpflege, Wohnungsreinigung, Essenslieferung, Instandhaltung des Hauses und Gartenarbeit. Alessandra Cancedda, Employment in Household Services, Dublin 2001.
4 Bevölkerungsforscher führen den weltweiten Rückgang der Geburtenrate auf Säkularisierungstrends zurück wie die sinkenden Sterblichkeitsraten von Neugeborenen, mehr Bildung für Frauen und Zugang zu verlässlichen Verhütungsmethoden.
5 Vgl. Tony Fahey und Zsolt Spéder, Fertility and family issues in an enlarged Europe, Dublin 2004.
6 Die Daten über niedrig entlohnte Arbeit stammen von Ramón Pena-Casas und Mia Latta, Working Poor in the European Union, Dublin 2004.

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