Das komplexeste Ereignis aller Zeiten

Christopher Clarks großartige Studie über den Ersten Weltkrieg zeigt: Fremd und vergangen ist diese Zeit mitnichten

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, für den amerikanischen Historiker George F. Kennan die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, jährt sich 2014 zum einhundertsten Mal. Und schon jetzt läuft das Rennen um die Erinnerung auf Hochtouren. Die Verlage warten mit zahlreichen neuen Publikationen auf, Konferenzen werden abgehalten, Vortragsreihen sowie Ausstellungen organisiert. Sogar die mittlerweile selbst Geschichte gewordene FDP-Bundestagsfraktion wollte sich das Jubiläumsjahr des „Großen Krieges“ nicht entgehen lassen; bei einer Fachanhörung im Bundestag verwiesen kürzlich die Kulturpolitiker der Fraktion auf die „weltumspannende Bedeutung“ des Krieges.

Das alles dürfte freilich nur das Vorgeplänkel sein, verglichen mit dem, was uns in den kommenden Monaten noch erwartet. Seinen Höhepunkt wird das öffentliche Gedenken erreichen, wenn wir uns dem Jahrestag des Ereignisses nähern, das den Krieg vom Zaun gebrochen hat: Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand sowie dessen Ehefrau am 28. Juni 1914 in Sarajevo, ausgeführt von serbisch-jugoslawischen Nationalisten.

Neubewertung des Kriegsausbruchs

Der australische Historiker Christoper Clark, der in Cambridge Neuere Europäische Geschichte lehrt, hat die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 nun teilweise neu bewertet. Sein Buch steht in Deutschland seit Wochen ganz oben auf der Sachbuch-Bestseller-Liste. Dass Clark hierzulande sehr viel bekannter ist als in seiner Wahlheimat Großbritannien, liegt sicherlich daran, dass er 2007 eine zu Recht hoch gelobte Geschichte Preußens vorgelegt hat, die ihm – als erstem nicht deutschsprachigen Historiker überhaupt – den renommierten Preis des Historischen Kollegs einbrachte. Die Aufmerksamkeit, die seinem neuen Buch jetzt zuteil wird, rührt aber nicht zuletzt daher, dass die Rezeption des Kriegsausbruchs 1914 in Deutschland seit jeher Gegenstand kontroverser Diskussionen ist.

Die Kämpfe waren im November 1918 kaum beendet, als eine Debatte darüber einsetzte, wer schuld sei am Ausbruch des Krieges, der rund 20 Millionen Tote und ebenso viele Verwundete gefordert hatte. Für die siegreichen Westmächte war die Antwort klar: Laut Artikel 231 des Versailler Vertrages lag die alleinige Kriegsschuld beim Deutschen Reich. Das jedoch ging hierzulande selbst Liberalen und Sozialdemokraten zu weit. Es folgte eine publizistische und wissenschaftliche Offensive, die die politische Kultur der Weimarer Republik nachhaltig prägen sollte, und die darauf abzielte, den Vorwurf der Kriegsschuld – und damit auch die Auflagen des verhassten Versailler Vertrages – zu revidieren. Flankiert wurde die Kampagne von öffentlicher Seite, etwa im Auswärtigen Amt, wo eigens ein „Kriegsschuldreferat“ mit der Koordination des Themas betraut wurde.

Ihr vorläufiges Ende fand die Debatte 1933. Für die Nationalsozialisten stand fest, dass die „Ehre der deutschen Nation“ in Versailles aufs Schwerste verletzt worden war und nun in vollem Umfang wieder hergestellt werden müsse. Auch nur der Anschein einer Diskussion darüber wäre einem Hochverrat gleichgekommen. „Weder der Kaiser, noch die Regierung, noch das Volk haben diesen Krieg gewollt“, lautete die Antwort der Nazis auf die Kriegsschuldfrage.

Alles hätte ganz anders laufen können

Nach 1945 rückte das Thema zunächst in den Hintergrund. Zu gewaltig waren die Schuttmassen der jüngsten Vergangenheit, die es zu bewältigen (oder zu verdrängen) galt. Dazu kam die Erkenntnis, dass die Vehemenz, mit der die Schuldfrage in den Weimarer Jahren ausgefochten worden war, den Nationalsozialisten in die Hände gespielt hatte. Gleichwohl schloss sich auch in der jungen Bundesrepublik die Mehrzahl der Historiker in der Sache zunächst dem Weimarer Abwehrkonsens an. Die Hitlerjahre, davon war man überzeugt, waren mit keiner anderen Phase der deutschen Geschichte vergleichbar; folglich musste es sich bei ihnen um etwas gänzlich Neues handeln, das, wie auch der Faschismus in Italien, erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war. Ein deutscher Sonderweg, mit gemeinsamen Strukturmerkmalen in den Jahren vor 1914 sowie nach 1933, wurde kategorisch ausgeschlossen.

Das änderte sich in den sechziger Jahren. Fritz Fischers Buch Griff nach der Weltmacht brachte die Frage nach der deutschen Kriegsschuld mit Wucht in die öffentliche Debatte zurück. Deutschland, so las Fischer die Quellen, sei 1914 keineswegs in einen Krieg „hineingeschlittert“, sondern habe bereits lange davor hegemoniale Pläne verfolgt. Einen Krieg mit Frankreich und Russland habe man dabei bewusst in Kauf genommen. Ziel sei ein von Deutschland dominiertes Mitteleuropa gewesen, das neben Polen auch Frankreich umfassen sollte. Besonders in konservativen Kreisen sorgten Fischers Thesen für einen Aufschrei der Empörung. Schließlich stand nicht nur die deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg auf dem Tableau, sondern auch die Frage nach der Kontinuität der deutschen Geschichte von 1871 bis 1945.

Wie Fischer vertritt auch Clark die Auffassung, dass Europa in den Ersten Weltkrieg keineswegs „hineingeschlittert“ sei. Der Kriegsausbruch sei vermeidbar gewesen, zumal es in den Jahren zuvor eine messbare Entspannung in den internationalen Beziehungen gegeben habe. Nach dem Flottenwettrüsten befanden sich Deutschland und England in einem Prozess der Wiederannäherung, und sogar Österreich und Serbien, befördert vom russisch-bulgarischen Ausgleich, verhandelten nach Jahrzehnten erbitterter Feindschaft miteinander. Am deutlichsten war die Stimmungsaufhellung aber in den Medien. Deren Ausblick für Europa fiel selbst während der Balkankriege 1912/13 noch vorsichtig optimistisch aus. Kurzum, so Clark, es hätte alles auch ganz anders laufen können, wäre nicht das Ereignis vom 28. Juni 1914 dazwischen gekommen.

Der Krieg, den keiner richtig gewollt hatte

Das Attentat von Sarajevo und seine Folgen beanspruchen knapp ein Drittel des Buches. Der Mord am österreichisch-ungarischen Thronfolger war für Clark nicht lediglich der austauschbare Anlass zu einem Krieg, den die Beteiligten ohnehin herbeigesehnt hatten, sondern das „vielleicht komplexeste Ereignis aller Zeiten“. Er setzte einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf sich alle Akteure im Rahmen einer noch kalkulierbaren Gefahr wähnten. Am Ende stand ein Krieg, den keiner wirklich gewollt hatte, der jedoch aus Entscheidungen resultierte, die aufgrund konkreter Ziele jedes einzelnen Akteurs getroffen worden waren. Wenngleich den handelnden Personen in den Sommerwochen 1914 nicht klar war, worauf sie zusteuerten, so trugen sie doch – anders als das der Buchtitel Die Schlafwandler suggeriert – die Verantwortung für ihr Handeln.

Schuld am Krieg waren für Clark alle europäischen Staaten mehr oder weniger gleichermaßen, sieht man einmal von kleinen Staaten wie Belgien ab, die tatsächlich ohne eigenes Zutun in die Kämpfe hineingezogen wurden. Wenn man überhaupt einem Staat mehr Verantwortung für den verhängnisvollen Verlauf des Sommers 1914 zuschieben möchte als den übrigen Beteiligten, dann wäre das nach der Lektüre von Clarks Buch nicht Deutschland, sondern Serbien. Denn dass die serbische Regierung nichts von den Mordplänen in Sarajevo wusste – die Attentäter waren Offiziere der serbischen Armee –, hält Clark, wie viele andere vor ihm, für ausgeschlossen.

Auch hundert Jahre danach haben die Verstrickungen des Sommers 1914 nichts von ihrer Faszination verloren. Das zeigt der Erfolg von Clarks Buch. Darüber hinaus ist die damalige Situation heute wieder von einer Aktualität, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Das Ende des Kalten Krieges hat zu einer neuen Unübersichtlichkeit der internationalen Beziehungen geführt: Althergebrachte Machtstrukturen erodieren, neue Akteure erstarken – und ein Kommando fehlgeleiteter Selbstmordattentäter vermag den Kurs der jüngsten Geschichte maßgeblich zu beeinflussen. Die Juli-Krise 1914 erscheint uns heute weniger fremd als noch in den achtziger Jahren. Auch hier regt Clarks Buch zum Weiterdenken an.

Christopher Clark, Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2013, 895 Seiten, 39,99 Euro

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